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Das Venedig des Nordens: Brügge

Auch in diesem Jahr nutzen meine Schwester und ich das lange Wochenende um ein paar Tage kurz Urlaub zu machen. Nach etwas Überlegen und Umfrage unter den Fans von Landlinien bei Facebook fiel die Wahl auf Brügge – das Venedig des Nordens, wie man so sagt. Mittelalterliche Bauten, UNESCO Weltkulturerbe, viel Wasser und noch mehr belgische Schokolade… für uns Grund genug die Nachbarn näher zu erkunden.

Von Köln aus sind es mit dem Auto knapp 300 Kilometer. Und wenn man besonders sparsam fährt, was nicht schwer fällt bei dem Tempolimit auf belgischen Autobahnen, dann reicht schon eine halbe Tankfüllung für hin und zurück. In Brügge selber kann man das Auto sehr gut stehen lassen (Tipp: kostenlos im Norden der Stadt hinter der Werfstraat) und alles zu Fuß, mit dem Rad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln erkunden. Übernachten werden wir in dem niedlichen, ruhigen, stillvollen, günstigen Bed & Breakfast Verde, mit den beiden reizenden Gastgebern Bruno und Annemie Van Dyck, im Norden der Stadt. In dem ehemaligen und umgebauten Jugendzimmer der Familie fühlen wir uns auf Anhieb wohl, so viel Wärme strahlt es aus. Hier finden wir abends Ruhe, die wir am Tag in der Stadt oft vermissen. Aber später dazu mehr.

Am ersten Tag nach unserer Ankunft gegen Mittag, starten wir ausgerüstet mit Stadtplan und Tipps von Bruno in das Städtchen. Innerhalb des äußeren Kanals, der sich wie ein Ring um die Stadt zieht, erwartet uns eine durchgängig unberührte, mittelalterliche Stadt, die oft wirkt wie eine Kulisse in einem Film. Einzig die (vielen) Autos erinnern an das 21. Jahrhundert. Auf der „klassischen Touristenroute“ lassen wir uns treiben bis hin zum Marktplatz, vorbei am Rathaus, bis zur Bootsanlegestelle, an etlichen verlockenden Pralinenläden vorbei, immer wieder imposante Kirchen streifend, die wir nur flüchtig wahrnehmen aufgrund der ablenkenden Horden von Touristen, über den wunderwunderschönen Begijnhof, in dem uns ein Meer an Narzissen anstrahlt bis final zum Minnewaterpark, in dem wir dann endlich die ersehnte Ruhe finde. Soviel im Schnelldurchgang. Zwischendurch machen wir immer wieder Pause um imposante Gebäude zu knipsen, Schokoladenkreationen in Schaufenstern zu betrachten, in der Sonne am Wasser die Augen zu schließen und, Klassiker, eine 30-minütige Bootstour auf dem Kanal zu machen. Mit dabei: kultursüchtige Amis und laut plärrende Italiener. Und grummelige Deutsche, so wie wir.

Den zweiten Tag lassen wir etwas ruhiger angehen mit dem Vorsatz diesmal die weniger touristischen Ecken von Brügge zu entdecken. Dabei führt unser Weg zunächst immer am Wasser entlang hin zu dem alten, ursprünglichen Hafen Brügges. Davon ist heute nicht mehr viel zu erkennen, nur die alten Speicherbauten deuten das ehemalige Hanseviertel an. Einmal um den Platz herum, etwa gegenüber dem Fritten-Museum, entdecken wir den süßesten Traum aller Träume: die Patisserie Salon. Hier kommen wir aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, so dass wir gefühlte 10 Minuten leicht sabbernd vor dem Schaufenster stehen. Um nicht weiter aufzufallen treten wir ein und gönnen uns ein Eclaire. Eins für uns beide, schön artig. Das schmeckt aber so gut, dass wir uns vornehmen am Ende unserer Tagestour hier noch mal einzukehren und den Tag mit einem süßen Gebäck zu beenden. Vorher aber erstmal Bewegung in den nordöstlichen Bezirk der Stadt. Früher Armenviertel ist es heute ein begehrtes Wohnviertel für die etwas besser Betuchten. Und touristisch eher weniger beachtet. Gut für uns. Hier können wir in Ruhe, ohne Menschen oder Autos vor der Nase, alte Gemäuer berühren und unseren Blick ungestört schweifen lassen. Da das Heimatmuseum genau zu der Zeit als wir eintreten für 1 Stunde Mittagspause macht (das ist wohl auch mit Venedig des Nordens gemeint…) disponieren wir um und werfen einen Blick in das Innenleben der bedächtige Jerusalem Kirche. Hier zünden wir eine Kerze für alle Jene an, die nicht mehr unter uns Lebenden verweilen.

Am Ende des Tages landen wir, wieder dem Touristenstrom folgend, auf der Hauptshoppingstrasse „Steenstraat“ und können hier alles shoppen was es durchweg in nahezu jeder größeren europäischen Stadt gibt (Zara, H&M, Esprit). Mainstream lässt grüßen. Aber eben auch belgische Spezialitäten, wie „unsere“ Patisserie, die wir wie versprochen am frühen Abend besuchen. Zu unserem Entsetzen ist ein Großteil der leckeren kleinen Törtchen schon ausverkauft. Zwei unserer Favoriten sind aber noch da. Wir greifen zu! Genussvoll lassen wir Zuckermasse, Cremefüllung und Karamelglasur im Mund zergehen. Bis mir schlecht ist, wahnsinnig schlecht. Mein Körper kämpft nach drei Wochen bewusster Ayurveda Ernährung gegen die Schokoladenattacke an. Vergeblich.

Wie ein lebendig gewordener Schokohase hoppel ich an die frische Luft und rolle über das Kopfsteinpflaster durch die Gassen. Na dann: gute Nacht!

Ostersonntag lassen wir ebenso wie den Tag zuvor langsam angehen. Passend dazu wird uns ein bezauberndes Frühstück (mit Schoko-Ostereiern!!) serviert, das wir ganz gemütlich bei uns im Zimmer einnehmen können. Dabei fällt die Sonne einladend durch das Fenster. Herrlich! Das Wetter nutzen wir und mieten uns für den Tag zwei Fahrräder à 8 Euro im Hostel Snuffel, nur 5 Minuten bei uns um die Ecke. Mit Plan und (wiedermal guten Tipps) ausgerüstet, radeln wir am Kanal entlang aus der Stadt heraus Richtung Norden um dort den Einstieg nach Damme zu finden. Bis dahin, etwa 5 Kilometer, fährt es sich leicht und schön immer am Kanal entlang. Auf dieser Strecke lag ganz früher, um 1200 herum, die einstiege Verbindung zum Meer und damit auch Verknüpfungsmeile zur Hanse. Dies bescherte Brügge wahnsinnigen Reichtum, auch durch die günstige zentrale Lage, so dass die Stadt Ende des Mittelalters als reichste Stadt Nordeuropas galt. Damit war dann Ende des 15. Jahrhunderts wieder Schluss, als die Einmündung (der Zwin) plötzlich wieder versandete. Von all dem kann man heute nichts mehr erkennen, nur eben den Kanal mit den prächtigen kleinen Dörfern drumherum. Damme wirkt schon wesentlich französischer als Brügge, wodurch ich so langsam verstehe, dass eben die Mischung aus irgendwie-holländisch, irgendwie-britisch, irgendwie-französisch eben Belgien ist. Hoch motiviert radeln wir weiter an Windmühlen vorbei Richtung Sluis, einem Ort kurz hinter der (imaginären) Grenze zu Holland. Das würde man so auf Anhieb nicht erkennen, spricht man in Flandern tendenziell bereits holländisch. Nur der leckere Käseladen am Ende der Einkaufsstrasse verrät den Landeswechsel…

Am letzten Tag werden wir von Regen und grauem Himmel aus Brügge vergrault. Ungemütlich ist es. Unsere Gastgeber verabschieden uns aber noch ganz herzlich, so dass wir aufgewärmt Richtung Strand fahren. Unser letzter Programmpunkt für diesen Kurztrip. Aber egal ob es regnet oder nicht: Belgien ist einfach ein tristes Land. Es tut mir leid… das ist so! Zumindest empfinde ich all jene Landschaft so, die ich bisher hier gesehen habe. Die Krönung ist auf jeden Fall der Yachthafen von Blankenberge und die Strandpromenade von de Haan, einem bekannten Badeort an der Nordsee. Aber die wirkliche Nordseeperle ist Oostende. Diese Stadt ist wiederum so hässlich, dass sie kultig-schön wird. Eine Mischung aus Ostblock-Charme, französischer Mondäne und Hafenbrise. Wundervoll! Staunend, lästernd, lachend flanieren wir durch die Stadt im Regen und trällern „Bonjour Tristesse“ vor uns hin. Wie kann es anders sein, zieht uns wieder einmal das Essen an wie ein Magnet an. Diesmal die Fischbuden am Hafen. Eine köstlich bunter als die andere, mit frischen Austern, Fisch, Muscheln… alles was das Fischerherz begehrt. Wir gönnen uns eine Schale gemischten Fisch und bringen den Daheimgebliebenen noch etwas mit. Bepackt mit frischem Fisch und belgischen Schokopralinen tuckern wir bei 100 km/h und Regen zurück in die Heimat, singen bei holländischen Schlagern im Radio mit und geben einen Freudenschrei von uns als wir das Schild „Bundesrepublik Deutschland“ passieren. Zuhause!

Alle Adressen, mit kulinarischen Highlights, auf einen Blick:

Unterkunft
B&B VERDE
Bruno & Annemie Van Dyck
Blokstraat 9
8000 Brugge
Preis: 65 € pro Nacht für 2 Personen
www.verdebb.be

Essen
Salade Folle
Waldplein 13 – 14
8000 Brugge
Preis: Hauptgerichte ab 13 €
www.saladefolle.com

Manna & Co
Katelijnestraat 46
8000 Brugge
Preis: kleine bis große Gerichte ab 4 €

Patisserie Salon
Vlamingstraat 56
8000 Brugge

Landlinien wurde Anfang 2009 von Designerin Daniela Klütsch gegründet. In ihrer Agentur daklue beschäftigt sie sich hauptberuflich mit Kommunikation für nachhaltige Unternehmen. Wie beim Reisen spielt auch dort das Thema „Entschleunigung“ eine große Rolle. Wenig kommunizieren, dies aber bewusst, achtsam sein, mit sich selbst und seiner Umwelt… das sind Gedanken die sie Tag für Tag antreiben

6 Kommentare

  1. Brügge ist schon eine tolle Stadt. Ihr solltet euch Brügge auch mal im Winter anschauen, dann verwandelt sich die typische belgische „Tristesse“ ,wie ihr es so treffend genannt habt, fast in etwas Märchenhaftes. Wenn es richtig kalt ist, Schnee liegt und alles glänzt, zeigt sich Brügge von einer wirklich malerischen, fast schon poetischen Seite. Mein Lob für diesen klasse Bericht, ist wirklich super anschaulich beschrieben und macht definitiv Lust auf Brügge!

  2. Landlinien

    Oh wie schön, was für ein liebes Kompliment! Schön, dass es so persönlich rübergekommen ist wie es sollte 🙂

    Brügge im Winter stell ich mir ähnlich wie Venedig im Winter vor, und das war schon sehr beeindruckend. Über Ostern war Brügge tatsächlich einfach zu voll. Man musste schon Menschen, Kutschen, Autos ausblenden um sich wie in Brügge und nicht wie in einer Europa-Stadt zu fühlen. Daher ein Grund mehr im Winter nochmal wiederzukehren.

    Viele Grüße aus Köln,
    Daniela

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  5. Eigentlich ganz treffender Bericht. Und ja, die belgische Küste kann so gar nix.
    Ich war schon mehrmals in Flandern und auch wenn Brügge von allen gerühmt wird, empfehle ich stets entweder Antwerpen oder (noch 3x besser) die Stadt Gent. Das ist wirklich wirklich nett und sogar noch nen Tick näher von Köln aus. Es gibt auch Kanäle, tolle Architektur, eine kleine, aber feine Genever-Bar, die von zwei Opis betrieben wird und du alle möglichen Genever-Sorten probieren kannst (dreupelkot)…wenn man sich für Geschichte interessiert, gibt´s den Genter Altar….Gib Belgien nochmal eine Chance und dann schaut euch Gent an…vielleicht im Spätsommer, wenn man noch draußen sitzen kann und abends die Lichter angehen…

    Grüße

    Manuel

  6. Huhu Manuel,

    vielen lieben Dank für die Gent-Tipp! Ich hab Belgien auch noch nicht aufgegeben 🙂 Gerade die Nähe zu Köln macht das Land so reizvoll, auch wenn ich an die Küste lieber nach Holland fahre. Über Gent hab ich schon einiges gehört, auch kulturell. Vielleicht plane ich das einfach mal für den Herbst mit ein.

    Liebe Grüße aus Köln,
    Danni

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