Die ganze Woche schon war das Thema „pilgern“ bei mir präsent. Angefangen von Marcel´s Tipp zur Ausstellung „Pilgern – Sehnsucht nach Glück?“ im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln, weiter über die Erinnerung an meine Pilgerreise auf der Via de la Plata von knapp 8 Jahren. Deshalb so bedeutend, weil diese Reise Landlinien ins Leben rief. So eindrucksvoll damals, 200 Kilometer von Cáceres nach Salamanca, dass ich mich auch heute noch an die vielen kleinen Details erinnern kann. Diesen Sonntag war mir wieder danach: in Stille alleine für mich laufen. Auch wenn ich nicht mal eben nach Spanien reisen kann, geht pilgern auch zu Hause im heimischen NRW. Und so wählte ich den verhältnismäßig kurzen bergischen Streifzug Nr. 16 (etwa 5 Kilometer), den „Overather Pilgerweg“ von DasBergische. Gut erreichbar von Köln aus und perfekt für diesen sonnigen Herbsttag.

Los geht´s in Overrath

Ausgangs- und Endpunkt ist der Bahnhof von Overath, gut erreichbar mit der Bahn, aber auch mit dem Auto. Vom Vorplatz startet der Weg kurz an der Hauptstrasse entlang, den Ort verlassend einen hügeligen Laubwald hoch auf insgesamt 290 Meter weiter bis nach Marialinden. Ich folge dem kleinen roten Schild mit der 16 wie der Pilger der Jakobsmuschel. Mal wieder Bestens ausgeschildert und mit unterhaltsamen und informativen Hinweisschildern versehen, so dass ich mich einfach treiben lassen kann. Der Kopf wird langsam leer und der Geist ruhig.

Bei 170 Höhenmetern angekommen, werde ich für meinen zügigen Aufstieg mit strahlender Sonne, die das Laub zum Leuchten bringt, belohnt. Eine Wohltat nach den letzten grauen Herbsttagen in der Stadt. Außerdem erreiche ich hier den ersten sogenannten „Fußfall“, einer von sieben auf dem ehemaligen Kreuzgang von Overath nach Marialinden. Wie ich auf der Hinweistafel lerne, sind diese Fußfälle Verstorbenen gewidmet und sollen ihrer gedenken, nachdem eine Epidemie 1740 halb Overath leer gefegt hatte. Des weiteren sollte damit in den heimischen Gefilden der Kreuzweg Christi und seine sieben Stationen nachempfunden werden. Nicht jeder konnte sich die weite Reise ins das Abendland leisten, daher wurde einfach zu Hause gepilgert und gebetet.

Auch wenn ich nicht christlichen Glaubens bin, so habe ich Respekt vor dieser Art des Gedenkens und des in-sich-kehrens. Ich gehe diesen Weg daher in Stille und gedenke bei jedem Fußfall den Menschen, die heute nicht mehr unter uns sind. Und das sind, obwohl ich erst 36 Jahre jung bin, schon so viele, die ich persönlich kannte. Ich hab an Euch alle gedacht…

Zahlen & Fakten rund um das Pilgern

6 Jahrhunderte bereits pilgern Gläubige zur Marienverehrung nach Marialinden.

59 Perlen hat die Gebetskette, die zum Zählen der einzelnen Gebete des Rosenkranzes verwendet wird.

380.000.000 Jahre alt ist der im Erdzeitalter Devon durch Sandablagerungen entstandene Stein, aus dem die Fußfälle errichtet sind.

(Quelle: Das Bergische)

Auf dem Wegstück Richtung Marialinden, dem eigentlichen Kreuzweg, erfahre ich auf den 7 Hinweisschildern Hintergrundinfos zum oft beschwerlichen Leben im Bergischen Land rund im 18. Jahrhundert. Kaum vorstellbar, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei 35 Jahren lag. Demnach wäre ich jetzt schon unter der Erde statt hier auf dem Weg. Gruselig klingt auch die Beschreibung des damaligen Essens: „7 Tage Hafermehlsuppe, dann kommt Sonntag und dann gibt es wieder 7 Tage Hafermehlsuppe“, so lautete damals zumindest ein im Bergischen weit verbreiteter Spruch. Wobei dies bestimmt nicht weit hergeholt ist. Hauptnahrungsmittel waren damals neben Kartoffeln eben der genannte Hafer oder einfache Suppen aus Schwarzbrot, Milch und Wasser. Bohnen-Möhren-Eintopf galt da schon als Gold!

Auch heute noch führt die offizielle Pilgerstrasse durch den Marienwallfahrtsort „Marialinden“. Das ältestes Fachwerkhaus der Örtchens (Bau 1671) und heutiges Restaurant „Lindenhof“, diente damals als Unterkunft für Pliger und Fuhrleute. Doch besonders beeindruckt mich, dass Marialinden ein eigenes Bürgerkomitee hat, das sich (und das find ich super!) seit 1964 einmal im Monat in der Gaststätte Altenrath trifft. Davon könnten sich diverse Initiativen aus Köln bestimmt was abgucken… Die Idee hinter diesem Komitee ist es, sich als Bürger unabhängig von kommunalen Strukturen zu organisieren und für mehr Wohlsein zu sorgen. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Förderung von Wanderwegen rund um den Ort, Verschönerung des Dorfkerns, Kulturprogramm und Weihnachtsmarkt rund um den Dom. (Mehr Infos dazu: www.marialinden.de)

Von Marialinden durch das Tal zurück nach Overath

Ein weiteres Mal belohnt werde ich an diesem Tag auf dem Weg zurück nach Overath von Marialinden aus, diesmal durch das Tal. Die Sonne kommt nun vollständig aus der Wolkendecke hervor und versüßt mir meine Pause. Ich sitze am Rand einer Kuhweide, mümmele zufrieden mein Brot in mich hinein und genieße die friedliche Stille an diesem Ort. Die Kühe machen mir das kommentarlos nach – oder ich Ihnen? – ganz unbeeindruckt von mir und meiner kleiner Fotosession, die ich mit ihnen veranstalte.

Genau richtig zum Herbstende noch die warmen Farben des Laubwaldes mitbekommen. Die wenigen Blätter an den Bäumen sind noch Orange, Braun und Weinrot. Auch wenn viele Blätter bereits gefallen sind, so leuchtet der Wald wie ein laues Kaminfeuer. Der Nebel lässt den Weg vor mir wie ein Gemälde wirken. Ein Traum ist das letzte Wegstück nach Overath (Stadtteil Wasser), vorbei an sattgrünen Wiesen und kleinen Bauernhäuschen. Es riecht nach Holzfeuer und Zimttee. Was freu ich mich jetzt auf eine warme Badewanne zu Hause. Die kleinen Freuden eines Pilgers eben!

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Mein Fazit

Eine einfache bis mittelschwere Tour, die man sehr gut von Köln aus auch am frühen Nachmittag erst starten kann. Also kein Stress mit früh aufstehen oder hektisch das Ziel erreichen. Trotzdem anfangs schön sportlich, mit etwas Steigung (160 Meter Höhenmeter) und zur zweiten Hälfte gemütlich zurück durch´s Tal. Immer wieder durch warm leuchtende Laubwälder und an sattgrünen Wiesen vorbei, mit Möglichkeit zur Einkehr in Marialinden. Mein Highlight: der letzte Abschnitt entlang der Agger durch den Laubwald zurück nach Overath. Im Sommer findet ihr mich definitiv auch hier!

Mein Highlight: der letzte Abschnitt entlang der Agger

Die aufgezeichnete Route bei komoot

3 Kommentare

  1. Das hast Du sehr schön beschrieben ☺️

  2. Danke lieber Thomas und noch mal besten Dank für den Tipp 🙂 Danni

  3. Nicht dafür, gerne

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