St. Just – Porthcurno (19 km, 8 Stunden)
An diesem Morgen werde ich von Sonnenschein durchs Fenster geweckt. Friedlich und tief habe ich diese Nacht geschlafen. Motiviert und kräfteaufgeladen starte ich in den Tag. Nach einem schnellen Frühstück und einem kurzen Gespräch mit der 12-Stunden-Läuferin, breche ich auf. Von der Jugendherberge aus geht es die Einmündung entlang zurück zur Küste. Quer über Kuhweiden, finde ich den Einstieg ganz gut. Nicht die Karte bestimmt den Weg, sondern das Gefühl, der Instinkt. Heute ist es so warm, dass ich jetzt schon nur mit kurzer Hose und Shirt laufe. Und das im Mai in England! Glaubt mir keiner in der Heimat! Bei der Sonne blühen die Wildblumen irgendwie noch stärker, das Meer strahlt noch mehr in Türkis. Zu meiner Freude erstrecken sich unter meinen Füßen nur sanfte Hügel statt rauer Klippen. So sanft, dass mir an einer Stelle sogar ein Jogger entgegenkommt! Nee, das wäre mir dann doch too much. Über einen Steinhügel muss ich dann aber doch kraxeln. Eher klettern. Voller Körpereinsatz. Wie soll ich denn da rüberkommen? Eins nach dem anderen. Erstmal den Rucksack hochhiefen. Dann die Stöcke von den Händen lösen. Dann die Danni. Und dann bin ich drüber. Der Blick, der dich mir bietet, entlohnt jegliche Mühe: weiße Sandbuchten.Soweit ich sehen kann. An dieser Stelle läuft der Coast Path ganz nah am Wasser lang. So nah, dass ich die Gesichter der Surfer erkennen kann. Laut meiner Karte blicke ich gerade auf die nördliche Spitze der Whitesand Bay zu. Der Bucht entlang mit dem Meer an meiner rechten Seite, laufe ich auf das Dörfchen Sennen Cove zu. Meine erste kurze Erfrischungspause will ich mir hier gönnen und mich in einem der Shops stärken. Proviant NICHT zu schleppen, habe ich ja bereits früh gelernt… Nach nur zwei Stunden Lauf und 8 Kilometern von St. Just aus, komme ich an. Zur Belohnung gibt es ein getoastetes Tomaten-Mozarella-Panini aus dem ersten Shop an der Promenade. Hmmm, lecker.

Von Sennen Cove geht es bergauf Richtung Land´s End, dem westlichsten Punkt Englands. Und eine der Hauptattraktionen Cornwalls.

Zumindest lese ich immer wieder davon. Und hier merke ich es dann auch. In der Ferne erkenne ich die zunehmenden Menschenmassen. Ungewöhnlich im Vergleich zu den relativ einsamen Pfaden bisher. Je näher ich mich Land´s End anpirsche, desto mehr Menschen kommen mir entgegen. Tageswanderer, Parkplatz-Gänger, Faulenzer, Attraktionensammler. Keiner mit so schwer bepackt wie ich. Unbeeindruckt von der durch aus langweiligen Küste, marschiere ich durch die träge Menschenmasse hindurch. ICH muss noch weiter als nur bis zum Parkplatz!
Land´s End selber ist der absolute Horror. Oder besser gesagt, das was die Briten hinter der Klippe von Land´s End in das Land gebaut haben. Ein aus dem Nichts künstlich entstandener Vergnügungspark mit allem was ich eine gelangweilte, britische Familie an einem Sonntag nur so wünschen kann. Spielhöllen, Kinderspielbuden, laute Musik, etliche Fressbuden, kurze Wege vom Parkplatz zum Spielparadies zur Klippe. Und da steht dann ein Wegweiser, damit man auch begreift, dass man hier in Cornwall bei Land´s End ist und nicht auf einem Vorstadt Jahrmarkt. Hinstellen, lächeln, Foto, weg. Um auf den Coast Path zurückzukommen muss ich erst durch das Phantasialand Cornwalls. Erfreut darüber, dass ich von hier einfach weglaufen kann, schlängele ich mich durch die Spielhölle vorbei an eisschleckenden Kindern und übergewichtigen Rentnern. Der Weg weiter Richtung Süden ist asphaltiert und beschildert. So lässt sich die Faulheit auf Flip-Flops im Umkreis um Land´s End noch ausdehnen. Hinter dem touristisch angelegten Bauernhof an der Küste, wird es langsam etwas ruhiger. Mit Land´s End im Rücken lässt sich der Blick zurück wesentlich besser genießen. Zeit für eine Pause. Es ist 12.30 Uhr.

Die Strecke nach Land´s End Richtung Porthcurno ist zwar landschaftlich ganz schön und auch relative flach, dennoch zieht sie sich. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich heute nicht so gut in Form bin. Die Sonne schient durchgehend, was das wandern mit dem schweren Rucksack nicht leichter macht. Auch das ständige auf die Karte gucken macht es nicht leichter: es sind eben knapp 19 Kilometer insgesamt. Und bei Land´s End habe ich gerade mal knapp die Hälfte geschafft. Dafür geht´s schneller. Also weiter…
Die Millay ist ganz großartig. Hier ist das türkisene Wasser zum Greifen nah, der weiße Sand real. Wie gerne würde ich jetzt hier meine Sachen ablegen, den Tag beenden und ins Wasser steigen. Aber dann würde ich wohl gar nicht mehr weiterlaufen. Weiter geht es ein langes Stück durch das Naturschutz- und Brutgebiet „Porthgwarra“. Hier kann man schonmal seltene Pflanzen oder Vögel entdecken. Papgeientaucher oder Eisvögel zum Beispiel. Hab ich aber leider nicht entdecken können…

Hier blühen die Wildblumen wieder in üppiger Fülle. Kein Wunder bei der Sonne, die sie hier jeden Tag abbekommen müssen. Mitten im Schutzgebiet kommt mir eine größere Wandertruppe deutscher Rentner entgegen. Angeführt von dem Oberwanderer mit Regenschirm in die Höhe zeigend voran. Alle natürlich perfekt equipt und sehr konzentriert.
Nach einem langen Lauf durch das Schutzgebiet erreiche ich nach einem steilen Abstieg das niedliche Örtchen „Porthgwarra“. Ganz idyllisch liegt es tief im Tal. Im Zentrum ein kleiner Kiosk mit Garten und Sitzbänken. Eigentlich doch mehr als nur ein Kiosk. Neben Eis und den üblichen Souvenirs, bietet das britische Ömchen hinter der Theke auch selbstgebackenen Kuchen und Pastys an. Verführerisch lecker! Ich bin froh um diesen feinen Ort, der sich ideal für eine Pause anbietet. Für heute könnte ich hier auch stoppen und erst morgen weiterlaufen.

Aber es liegt schon noch ein ganzes Stück vor mir, obwohl es schon 14.30 Uhr ist. Die Zeit wird nicht mehr. Die Sonne schon. Entspannt laufe ich weiter, freue mich jetzt schon auf die erfrischende Dusche und Essen. Viel Essen. Nach einem kurzen Anstieg von Pothgwarra, geht es mitten durch wunderschöne Blumenfelder bis nach Porthcurno. Dort treffe ich, bevor ich steil zu dem Örtchen absteigen muss, auf das Minack Theatre. Die Sitze und die Bühne sind in den Granitfelsen reingemeiselt. Ganz nach griechischem Vorbild. Es muss ein Traum sein dort zu sitzen, dem Theaterspiel zu folgen und dabei auf das offene Meer bei Sonnenschein zu blicken. Leider kann man das Theater von dieser Seite nicht einsehen. Dazu müsste man schon ins Theater reingehen. Das schreib ich mir fürs nächstes Mal auf die Liste. Jetzt will ich erstmal meinen Rucksack ablegen, duschen und essen. Vielleicht hab ich danach ja noch Zeit um zurückzukommen. Hinter dem Minack Theatre bietet sich mir ein grandioser Blick auf einer der schönsten Strände Cornwalls. Wie gern würd ich jetzt hier einfach bleiben. Schuhe aus und ab ins Wasser. Es ist richtiges Bikini-Wetter. Für mich ist stattdessen Rucksack angesagt. Zwar bin ich ganz gut in der Zeit. Da ich mir aber nicht sicher bin wie lange ich noch bis zu meiner nächsten Unterkunft brauche, laufe ich erstmal weiter.

Der Ort Porthcurno streckt sich längst wie ein Schlauch ins Landesinnere. Viel gibt es hier nicht: ein Shop mit kleinen Snacks und Kaffee, ein Pub, ein B&B (war schon ausgebucht) und das Telegraph Museum. Die Besitzerin des B&B hatte mir per Email eine Wegbeschreibung geschickt. Hörte sich ganz easy an. Doch jetzt mitten im Dorf trotz meiner Wanderkarte und Google Maps finde ich gar nichts. Ich hab keine Ahnung wo das sein soll.
Meinem Bauchgefühl der Hauptstrasse gerade ins Innland folgend, werde ich nicht wirklich schlauer. Ich muss linker Hand eine Stichstrasse finden, dann über 3 Felder und dann bin ich da. Läuft man hier einfach über die Felder? Werde ich nicht herausfinden, wenn ich den Einstieg nicht finde. Mir bleibt nichts anderes übrig als nach dem Weg zu fragen. Weiter oben am Weg arbeitet ein Grüppchen junger Leute an einem Hause. Die alte Post, wie man es noch in blassen Buchstaben über der fehlenden Eingangstür lesen kann. Ich spreche eine der Helfer auf der Leiter einfach an. Er ist sehr hilfsbereit aber ebenso ratlos. Schnell ruft er nach Verstärkung. Eine Frau mittleren Alters, ihre Tochter (in meinem Alter) und ihr Freund kommen daher und überlegen mit mir zusammen wo meine Unterkunft, die Trendrennen Farm, denn liegen könnte. Von „Wo soll das denn sein?“ bis „Doch doch, an Andrea Semmens habe ich auch schon mal Gäste vermittelt.“ Also fast sicher. Besser als gar nicht. Einstimmig sind sich jedoch alle, dass das noch ein ganzes Stück bis dahin zu laufen ist. Mir graut davor! Es ist schon so spät, ich hab Hunger, will duschen, wollte doch noch an den Strand… alles doof. Zu meinem Glück schlägt mir das Mädel in meinem Alter vor mich mit im Auto zunehmen. Sie und ich Freund wollten eh gerade los. Ich bin ganz außer mir vor Freude. Kann gar nicht fassen wie selbstverständlich mir hier geholfen wird. Das Angebot schlage ich natürlich nicht aus. Wir laden den Rucksack in den Kofferraum zwischen Farbeimern und Pinseln.

Und dann machen wir uns auf die Suche. In der einen Hand die Wanderkarte. In der anderen das iPhone mit der Wegbeschreibung in der Email.

Directions to Trendrennen Farm, from Porthcurno:
There is a museum located in Porthcurno (near the car-parks). From the main entrance of the museum, walk up the hill and you will notice on your right hand side a footpath that goes up from the road. Take this path and after a short walk you will come to a stile which leads you into a field. You will now walk across 3 fields in total and you can see our farmhouse as you are walking across them. Our house is a new building located away from the other buildings on the farm.

Entgegen meinem Gefühl und dem Wissen der Einheimischen vertrauend, fahren wir in die entgegen gesetzte Richtung. Zu meiner Ernüchterung versuchen die beiden mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Farm einige Meilen zurück liegen muss. Der ganze Weg von dort an bis hier umsonst. Das heißt morgen muss ich die ganze Strecke noch mal laufen. Ich fass es nicht. Wir biegen links ein, wieder Richtung Küste. Die Schilder, denen wir folgen, schreiben einen Namen, dem ich heute schon begegnet bin: Porthgwarra. Da hab ich heute meine Pause gemacht! Das kann doch gar nicht wahr sein, dass dort meine Unterkunft ist. Nach längerem durch die engen Feldwege kurven und kein Hinweis auf „Trendrennen Farm“ finden, werden meine beiden Fahrer auch nervös. „Das muss doch hier sein“ wundern sie sich. Anstatt entnervt zu sein, scheinen die beiden es wie eine Art Schatzsuche zu betrachten. Sie helfen mir ohne wenn und aber. Als wir vor der Farm stehen von der sie gedacht haben, dass sie es ist, dem aber nicht so ist, sind die Fragezeichen groß. Ich werfe noch mal meine Wegbeschreibung auf dem iPhone in den Raum. Jetzt lesen beide noch mal genau, wir überlegen alle zusammen und entschließen dann es einfach mal in der anderen Richtung zu versuchen. Also den ganzen Weg wieder zurück und weiter in die andere Richtung. Das gefällt mir schon besser. Die nächste Möglichkeit rechts von der Kreuzung von der wir eben gekommen sind. Und siehe da, nach ein paar Metern ein riesen Schild mit der Aufschrift: Trendrennen Farm. Ein Freudenruf geht durchs Auto. Wir haben es geschafft. Ich bedanke mich herzlichst mit allen englischen Worten, die ich dazu gerade parat habe bei den beiden. Sie winken ab nach dem Motto: ist doch selbstverständlich. Und so trennen sich unsere Wege mit den gegenseitigen Wünschen für das Beste auf unseren Wegen.

Hier bin ich wirklich ab von allem. Mitten auf dem Land. Mich begrüßt eine einsame Farm. Und ein weißes Pferd im Stall. Schön ist das. Etwas einsam fühle ich mich trotzdem. So gar keiner da, der mich empfängt, fragt wie mein Tag war, mir erklärt wo ich schlafen werde. Nur ein Zettel hängt an der Tür mit meinem Namen drauf. Ok, dann bin ich hier auf jeden Fall richtig. Ich setze mich vor das Haus auf einer der Teakstühle und rufe in der Heimat an. Muss jetzt reden und gelobt werden. Getan. Warten. Hunger. Will duschen. Langweilig. Ich gehe noch mal zum Eingang. Blicke auf den Zettel. Und da kommt mir der leuchtende Gedanke: vielleicht ist der Zettel ja eine Nachricht an mich. Und so ist es dann auch. Auf der Rückseite steht die Nachricht: „Hallo Daniela. Ich bin noch unterwegs bis ca 19 Uhr. Aber die Tür ist offen. Komm ruhig rein. Dein Zimmer ist das auf der 1. Etage links. Das Goldene.“ Na toll, da hätt ich ja mal früher drauf kommen können…

Schon ein komisches Gefühl ein leeres, fremdes Haus zu betreten. Aber wir sind ja hier auf dem Land. Also nichts außergewöhnliches. Ich tappere herauf in die erste Etage und bin schon gespannt was mit „Das Goldene“ gemeint ist. Hab ich ein vergoldetes Zimmer? Schlafe ich auf Blattgold? Nein, nicht ganz. Lediglich einige Dekoelemente in meinem Zimmer sind Gold. Egal ob Gold oder Silber oder Rot: das Zimmer ist wirklich ein Traum! Das Bett federweich, so dass ich mindestens 20 Zentimeter einsacke als ich mich drauf fallen lasse. Umrahmt von unzähligen Kissen komme ich mir vor wie die Prinzessin auf der Erbse. Das eigene Bad ist topmodern. Alles blitzt und glänzt. Die Wasserfalldusche genauso wie die roten Mosaiksteinchen. Auf der nostalgischen Kommode stehen, ganz im britischen Stil, Wasserkocher, Tasse & Co für einen Afternoon Tea bereit. Das lange warten und das wenige laufen in den letzte 1 1/2 Stunden hat mich ganz schön eingefroren. Eine warme Tasse Tee ist Wellness. Nur blöd, dass der Wasserkocher irgendwie nicht funktioniert. Ich probiere es mit der Steckdose neben dem Bett. Auch nichts. Na toll, Wasserkocher kaputt. Kein Tee. Hmm, egal. Dann pack ich jetzt einfach alles aus und beginne dann mit Wellness Station Nr. 2: warm Duschen. Den gesamten Inhalt meines Rucksacks verteile ich quer im Zimmer: die dreckigen Schuhe in der Ecke, Klamotten zum Lüften auf dem Bettgestell, meinen Trinkbeutel an die Heizung im Bad geklemmt. Ist schon ein komisches Bild, dieses Luxuszimmer geschmückt mit Backpackerutensilien. Passt irgendwie nicht zusammen.
Entledigt meiner durchschwitzten Klamotten hüpfe ich unter die Dusche. Ein Ziehen am Hebel. Es tut sich nichts. Kein Wasser. Nichts. So langsam kommt mir das etwas komisch vor. Wieder raus aus der Dusche prüfe ich mein Zimmer nun im Detail. Das Licht geht nicht, weder im Bad noch im Schlafzimmer. Auch mein iPhone lädt sich nicht auf. Stromausfall würd ich sagen. Na toll. Ein Luxuszimmer ist auch nur dann Luxus wenn es funktioniert. Entnervt zwänge ich mich wieder in meine Klamotten und tapere nach unten. „Hello?“ Tatsächlich ist jemand da. Ein junges Mädel kommt aus der Küche. Als Tochter der Hausbesitzerin stellt sie sich vor. Ich erkläre ihr meine etwas blöde Lage, mit ohne Tee und ohne Dusche. Sie hätten wohl einen Stromausfall, erklärt sie. Aber nicht im ganzen Haus, weil bestimmte Bereiche in der Küche noch funktionieren. Ob sie nicht einfach mal im Sicherungskasten nachgucken kann. Da kenne sie sich nicht so mit aus. Aber ihre Mutter wäre so in circa 1 Stunden wieder da. Na toll. Ich überlege kurz: warten oder essen suchen. Mein Magen knurrt. Wo ich denn hier in der Nähe etwas essen könne. Im nächsten Ort, in Treen. Da gibt es einen ganz guten Pub. Einfach nur über 2 Felder. Schonwieder laufen. 2 Felder? Das scheint hier auf dem Land wohl die Beschreibung für die Wege zu sein. Soll ich da einfach drüber laufen? Aber ein Feld ist doch rechteckig? Also eher links oder rechts oder in der Mitte? Egal, ich hab so dolle Hunger, dass ich einfach loslaufen muss. Obwohl ich so überhaupt keine Lust gerade hab. Will mich einfach nur auf meinem Zimmer verkriechen, duschen, Fernsehen und schlafen.

Da ich von diesen Gedanken alleine bestimmt nicht satt werde, ziehe ich gegen meine Lust wieder meine Wanderschuhe an, noch einen dicken Pulli, meine Kamera und dann gehts los. Vor dem Hof sehe ich schon den Einstieg zu den Feldern bei der Mauer. Und tatsächlich, auf dem riesen Grasfeld ist ein Trampelpfad zu erkennen. Diesem folgend, lande ich auch schon beim zweiten Feld. Einmal über eine Steinmauer geklettert, geht es weiter geradeaus. In der Ferne kann ich schon die Spitzen des nächsten Ortes „Treen“ erkennen. Die Art zu laufen gefällt mir. So wie wir in der Stadt über Asphalt und Strassen laufen, läuft man hier wie selbstverständlich über Felder. In Treen angekommen, laufe ich erstmal eine Runde durch den Ort. Idyllisch cornisch hier. Und still. Wahnsinnig still. Als wäre der Ort ausgestorben. Nur Hüllen von grauen Häusern. Wo sind die denn alle? Heute ist doch Montag, unter der Woche. Mysteriös… Ich schlendere die Strasse ortsauswärts runter und erkenne auch schon den Pub „Logan Rock“. Durch die schwere Holztür trete ich ein. Und siehe da: hier sind alle! Der Pub ist fast voll besetzt. An der Theke ein Grüppchen von älteren Einheimischen, an den schwarzlackierten Tischen Pärchen und Grüppchen. Ich finde einen gemütlichen Platz am Tisch direktt neben der Theke mit Blick auf den Kamin, der leise am Ende des Raums knistert. Das mulmige Gefühl alleine im Pub zu sitzen legt sich, keinen stört das irgendwie, ich fühle mich wohl. Die Speisekarte lässt mir das Wasser im Mund laufen. Köstliche einheimische Gerichte. Von Fisch bis Fleisch, von mittelteuer bis teuer. Aber das ist es mir heute wert. Eine Luxusausnahme quasi. Ich bestelle das Beste vom Lamm mit jungen Kartoffeln, einheimischen Böhnchen und Minzsoße. Gott im Himmel. Mein Gesprächspartner an diesem Abend ist meine Landkarte, mit der ich in Gedanken die morgige Tour bespreche. Ich genieße den Blick auf den Kamin, die einheimische Wärme, aber einsam ist trotzdem. Gerne hätte ich auch einen vertrauten Menschen vor mir sitzen statt meiner Karte. Gerne würde ich jetzt über meinen Tag sprechen, meine Erlebnisse teilen, über die Stationen morgen reden.

Stattdessen esse ich leise mein cornisches Essen (grandios) und werde dabei von dem hauseigenen Jack Russel Terrier begleitet. Ein kleiner Trost.

Der Weg nach Hause geht schnell. Lange genießen kann ich die Atmosphäre im Pub irgendwie nicht. Mich treiben die Müdigkeit und die Kälte zurück. Ich will jetzt einfach nur duschen und ins Prinzessinnen Bett. Hoffentlich geht jetzt der Strom wieder. Im B&B angekommen erwartet mich auch schon fröhlich Andrea Semmens. Sie erkundigt sich nach meinem Tag und fragt ob alles gut sei. Ist aber kurz angebunden, da ich sie wohl gerade beim Abendessen mit der Großfamilie gestört habe. Der Strom geht wieder, sagt sie. War nur eine Sicherung, das hätte ihre Tochter ja auch merken können, moppert sie rum. Lächelnd schließen wir dann das Gespräch mit dem Plan fürs Frühstück ab, und dann bin ich wieder allein. Und fühl mich auch so. Weder Dusche noch Tee noch Prinzessinnen Bett können mich aufmuntern. Ich fühl mich einsam, hier auf dem Land, so weit weg von der Heimat. Auch ein Gespräch mit zuhause kann mir im Moment nicht helfen. Ich muss schlafen, nicht daran denken, die Einsamkeit wegträumen und morgen neu anfangen. Der Sonnenbrand auf meinen Händen macht mir das Einschlafen noch schwerer. Meine Hände glühen wie zwei Heizstäbe. Aber auch nur die Hände. In der Nacht wache ich von den Schmerzen und der Hitze auf. Habe natürlich keine Afersunlotion mit. Nur Salbe gegen Mückenstiche. Dick trage ich sie auf. Innerhalb von einer Minute ist sie auch schon aufgesogen. Hilft also nix. Ich probiere es mit nassen Toilettenpapierwickeln. Damit sie halten ziehe ich noch meine neongrünen Wohlhandschuhe drüber. Was für eine Konstruktion. Hält ganz gut, wird dann aber wieder warm. Ahhhh, anstrengend. Ich will garnicht wissen wieviel Uhr wir jetzt haben. In der Nacht schlafe ich nur leicht. Als ich gerade tiefer eingedöst bin, werde ich auch schon wach von dem Kinderlärm nebenan. Super Nacht würd ich sagen.

Das war der wahrscheinlich schlechteste Schlaf in der wahrscheinlich besten Unterkunft meiner gesamten Reise. Das Frühstück in dem großen Wintergarten des Hauses ist ebenso ernüchternd. Nicht dass es nicht lecker wäre. Im Gegenteil. Es ist nur so, das ich hier der einzige Gast bin. Wo mir doch vorher noch gesagt wurde, es wäre kein Einzelzimmer mehr frei und ich müsse dann ein Doppelzimmer nehmen. Und auch zahlen. 45 Pfund. Frechheit! Da bewahrheitet sich dann doch, dass man als Alleinreisende(r) mit B&Bs nicht in den vollen Genuss kommt. Die Erfahrung hatte ich ja bereits in St. Ives gemacht, in meinem Hinterzimmer. Aber was soll ich mich ärgern? Diese Erfahrung brauch ich jetzt auch kein zweites Mal mehr machen.

Die Unterkunft

Die Trendrennen Farm ist wirklich eine ganze feine Adresse. Ein sehr romantisches B&B mitten auf dem Land, ruhig, weg von allem, nur in der der Natur. Nur für Backpacker und Alleinreisende nicht so super geeignet. Einmal vom Preis her und auch von der super gepflegten Ausstattung. Drücke ich es mal so aus: es ist einfach zu schade für einen kurzen Stop. Die Zimmer sind ganz edel eingerichtet, das Bett so weich als würde man auf Wolken schlafen und das Bad ist Wellness. Das Frühtsück ist liebevoll zubereitet. Nicht besser oder schlechter als meine anderen B&Bs bisher.

Das Frühstück

  • freiwählbar, bis spätestens 9.30 Uhr
  • Preis in der Übernachtung enthalten

Der Preis

  • 45 £ /Einzelzimmer mit Frühstück

Das Angebot

  • Frühstück im Wintergarten
  • großer Garten mit Sitzmöglichkeiten
  • Pub in der Nähe
  • Lunchpaket auf Anfrage erhältlich
  • ganzjährig geöffnet

Anschrift
Trendrennen Farm
Andrea & Derek Semmens
Porthcurno
Penzance
Cornwall
TR19 6LH
Tel: +44 (0) 1736 810585
andreasemmens@hotmail.com
www.cornwall-online.co.uk/trendrennen

Alternativen
Sea View House – The Valley
Porthcurno
Penzance
Cornwall
TR19 6JX
Tel: +44 (0) 1736 810 638
svhouse@btinternet.com
www.seaviewhouseporthcurno.com
ab 35 £ pro Person und Nacht

Alle Bilder dieser Tour habe ich außerdem hier zusammengestellt:
Fotoalbum “St. Just – Porthcurno” bei flickr (36 Bilder)

2 Kommentare

  1. Pingback: Tag 09 – Türkisblaue Wellen | Landlinien

  2. Pingback: Rückblick auf den Coast Path | Landlinien Outdoor-Reiseblog

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