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Wandern in der Schweiz – Teil 3: Menschen und ihre Geschichten

Wandern in der Schweiz – Teil 3: Menschen und ihre Geschichten

Beim wandern durch die Landschaft, wird man zum Beobachter. Man taucht ab in die Natur, entdeckt Wildkräuter und bei etwas Glück auch frei lebende Tiere. Die eigenen zwei Beine lassen nur ein langsames Tempo zu, das wiederum zum natürlichen Tempo der Umgebung passt. Neben unberührter Natur, durchquert man auf Wanderschaft immer wieder auch besiedelte Flächen. Es sind Orte, an denen sich Menschen vor Generationen niedergelassen und „Heimat“ gefunden haben. Da wo man selbst Tourist ist, sind andere Einheimische. Erst im Gespräch mit ihnen erfährt man mehr über die Natur, die Landschaft als auch die Kultur und kann so die Hintergründe besser verstehen. Während unserer Wandertouren durch den Kanton Graubünden treffen wir stets eigenwillige Menschen mit ihrer ganz persönlichen Geschichte.

Auf Wanderschaft wird man ein Teil der Natur. Gerade auf längeren Touren geht es mir nach einer Zeit so, dass ich mich dem natürlichen Rhythmus der Natur anpasse. Morgens wache ich mit dem Sonnenaufgang auf, nehme mir Pausen wann ich sie brauche, schütze mich bei Regen und laufe danach weiter, bin abends körperlich wie geistig erschöpft, tanke neue Kraft im Schlaf. Fremde Menschen werden auf Reise für mich zu Freunden. Unsere Begegnungen sind zufällig und kurz, und werden damit zu etwas Besonderem. Wir erzählen uns Geschichten, doch meist bin ich es, die aufmerksam lauscht und sich in den Bann dieser Kultur ziehen lässt.

Menschen lokal verbinden

Gespräch über Nachhaltigkeit in Graubünden im Hotel Piz Linard (Lavin)Zum Auftakt unserer Wanderreise durch Graubünden, treffen wir Abends im Arvensaal des Hotels Piz Linard in Lavin Robert Giacometti (Präsident der eidgenössischen Nationalparkkommission) und Niculin Meyer (Tourismusverband Engadin Scoul Samnaun Val Müstair). Sie heißen uns willkommen und erzählen uns mehr von der Region, den Besonderheiten Graubündens und was wir in den kommenden Tagen erleben werden. Auch das Thema Nachhaltigkeit spielt von den Tourismusverband Graubünden eine zentrale Rolle. Angefangen bei sich selbst, wird alles was man lokal produzieren lassen kann auch dort produziert. Sprich Druck von Werbemitteln oder Umsetzung von Websites mit lokalen Dienstleistern, aber auch Essen in Form von Kooperationen zwischen Hotels und lokalen Produzenten. So sieht es der Tourismusverband als eines seiner zentralen Aufgaben, die Menschen und ihr Handwerk in der Region miteinander zu vernetzen und gemeinsam nachhaltig zu handeln. „Nachhaltigkeit ist dann gelungen,“ so Robert Giacometti, „wenn die Menschen vor Ort von alleine zusammen arbeiten und Kooperationen miteinander eingehen.“ Wie in dem Fall eines Metzgers aus der Region, der die Bauern des von ihm geschlachteten Vieh dazu brachte die Weidewiesen auf natürliche Art zu düngen, damit darauf die einheimische Flora wieder vielfältiger blühen kann. Folge: ein besserer, würziger und einzigartiger Geschmack des Fleisches und gleichzeitig ein Beitrag zu Erhaltung der heimischen Flora. „Wenn man eins sagen kann,“ folgert Niculin Meyer, „dann dass Graubünden eine Naturmetropole ist, die es lohnt zu erhalten.“

Die Bäckerei Giacometti

Arthur Thoma-Giacometti live bei seiner ArbeitIn den von Bergen eingerahmten Lavin treffen wir gleich neben dem Hotel auf die Bäckerei Giacometti. Während Einheimische hier ganz entspannt ihren Tag bei Kaffee und Gebäck beginnen, dürfen wir einen Blick hinter die Kulissen werfen. Seit nun fast schon 100 Jahren wird die Bäckerei als Familienbetrieb in aktuell 4. Generation betrieben. Seit 1920 pflegen die Giacomettis ihre eigenen Rezepte, ganz besonders das der Engadiner Nusstorte, eine Spezialität des Kantons Graubünden. Von den insgesamt 12 Mitarbeitern können wir fünf davon bei der Handarbeit in der Backstube zuschauen. Es riecht süß, nach warmer Hefe und karamellisierten Nüssen. Die Mitarbeiter sind vertieft in ihre Arbeit, stechen routiniert die kreisrunden Formen für die Nusstorten aus oder formen – fast meditativ – das Engadinerbirnbrot. Meisterbäcker Arthur Thoma-Giacometti führt uns stolz durch die Räumlichkeiten und erklärt uns im Detail wie das Gebäck nach traditioneller Art heute noch hergestellt wird. Seine Mitarbeiter hat er im Blick und erlaubt sich zwischendurch gerne einen flapsigen Spruch, der alle – uns eingeschlossen – schmunzeln lässt. So verrät er uns am Ende dann auch wie viele Torten die Bäckerei verlassen: „500 sind das schon.“ Unsicher fragen wir nach: „In der Woche?“ Er lacht: „…nein! Am Tag.“

Brennmeister Luciano Beretta

Brennmeister Luciano BerettaAls wir den Garten des Distilleria Beretta betreten, bin ich für einen Moment unsicher ob hier an Ort und Stelle tatsächliche Schnaps gebrannt wird, so klein und familiär ist es hier. Doch auch vom etwas kauzig wirkenden Luciano Beretta sollte man sich nicht täuschen lassen. An diesem idyllischen Ort mitten im hochalpinen UNESCO Biosphärenreservat „Biosfera Val Müstair“ wird eine alte Familientradition bewahrt und Pflanzen, die zum Teil nur hier wachsen, verarbeitet. Brennmeister Beretta fragt uns neugierig über unsere Heimat aus, bevor er ausführlich über seine berichtet. Einige der Pflanzen, die er für seine traditionellen Destillate und Liköre verwendet, wachsen hier direkt in seinem Garten. Zu hoch sei es hier oben für Obst, erklärt er uns, weshalb er überwiegend aus Blumen, Kräutern, Arvenzapfen und wilden Früchten seine 28 verschiedenen Produkte auf biologische Art und Weise erstellt. Nach einem Rundgang durch den Garten, präsentiert er uns in seinem kleinen, rustikalen Holzhaus stolz den Brennkessel. Er weiht uns in die Geschichte der Brennerei ein, verrät das Geheimnis seines eigens umgebauten Kessels und erwähnt öfters – nicht ohne Stolz – dass für ihn Qualität mehr als Quantität bedeutet. Nach dem Motto „wem das nicht passt, der soll mich in Ruhe lassen“ wirkt er auch hier auf den ersten Blick wieder kauzig, wenn man genauer hin hört viel mehr konsequent und authentisch. Seine Lebensweisheiten mischen sich mit den fachlichen Erklärungen des Brennvorgangs, sodass ich mehr als oft schmunzle, zustimmend nicke oder auch mal laut lache. Luciano Beretta ist wirklich ein Urgestein, ein Original, das man live erleben muss. Genau wie seine Liköre. Nach Nummern und lokalen Regionen benannt, probieren wir Nummer 5, 7 und 12, oder auch „Betschlas da Tschierv“, „Cuclinas Sta Maria “ und „Alpa Glü“. Seine Frau, das ruhige Gemüt im Hintergrund, ergänzt mit einem Satz was ihre Philosophie ausmacht: „Unser Reichtum ist das, was wir nicht besitzen.“

Mühle St. Maria

Hannelore Cueni in der Muglin Mall in St. MariaEin weiterer traditioneller Ort, der im Val Müstair aufrecht erhalten wird, ist die Mühle St. Maria oder auch Muglin Mall genannt. Die aus dem 17. Jahrhundert stammende Wassermühle wurde bis 1955 aktiv betrieben und dann vorerst still gelegt. Die maschinelle Produktion von Mehl trat, wie bei vielen Mühlen ihrer Art, an dessen Stelle. Zu der Zeit hat es in der Schweiz noch etwa 3.000 Mühlen gegeben. Heute sind es nur noch 300. Mithilfe einer Stiftung, die 1998 zum Erhalt der Mühle im St. Maria gegründet wurde, konnte die urige Wassermühle im alten Stil renoviert und danach weiter genutzt werden. Eine neue Herausforderung für Aussteigerin Hannelore Cueni aus Basel, die sich mit Leidenschaft dieser Aufgabe seither widmet. Täglich mahlt sie hier auf traditionelle Weise, vom Wasser angetrieben und mit Hand verlängert, Getreide wie Roggen, Weizen oder Gerste. Schritt für Schritt führt sie uns durch das hölzerne Innenleben der Mühle und lässt uns miterleben wie körperlich anstrengend diese Arbeit ist. Doch von Anstrengung ist bei Hannelore Cueni keine Spur zu erkennen. Ihre Augen leuchten vor Freude bei jedem Handgriff, den sie uns vormacht. Wie kleine Kinder in einer für uns unbekannten Welt, schauen wir ihr fasziniert zu. Jeder, der dieses ursprüngliche Handwerk so direkt erleben kann, würde mir zustimmen, dass es sich lohnt dies zu erhalten. Zu diesem Zweck wurden der Verein „Freunde Mühle Mall“ gegründet, sowie Führungen als auch Veranstaltungen, wie der Brotbacktag, angeboten.

Das Hotel Piz Linard

Frühstück im Hotel Piz LinardSpeziell in der Region Engadin spürt man die Nähe zu den angrenzenden Ländern. Die Lage im Dreiländereck und die Vielfalt der unterschiedlichen Kulturen, wirken sich besonders auf die regionale Küche aus. Sehr hochwertig kann man diese im Hotel Piz Linard genießen. Schöner als die Inhaber des Hotels den „Gaumentanz“ in poetischen Worten beschreiben, kann ich es kaum ausdrücken: „Unsere Küche ist regional geprägt. Italienisch angehaucht. Von purer Neugier inspiriert. Frisch zubereitet. … Lassen Sie sich verwöhnen. Hin und wieder überraschen.“ Allein wegen der Liebe zum Detail, des Muts zum künstlerisch sein und des besonderen Auges für Design, habe ich diese Örtlichkeit in Lavin besonders in mein Herz geschlossen. Noch jetzt, zurück in Deutschland, blättere ich gerne in dem Büchlein „splerin für ein blühendes Piz Linard“, welches die Geschichte und Entstehung beeindruckend dokumentiert. „Stetig unterwegs. In Eile. Aus Langeweile. Geschäftig. Zum Vergnügen. Auf der ewigen Suche nach dem flüchtigen Glück. Da keimt der Wunsch, dem Alltag zu entfliegen. Inne zu halten. Im Gasthaus am Platz findet die rasende Seele Rast.“ So möchte man zurückkehren, um Ruhe zu finden an diesem besonderen Ort. (Zitate via Hotel Piz Linard)

Mehr über die Hintergründe Graubündens

Gerade die Details und der besondere Blick auf Natur und Menschen machen unsere Tour durch Graubünden aus. Auf meiner ersten Reise durch die Schweiz interessieren mich vor allem die Themen Wandern, Naturerlebnis und Nachhaltigkeit. Mit diesem Fokus schärfe ich meine Sinne, halte die Augen offen und sauge alle Eindrücke auf wie ein Schwamm. Entstanden ist daraus eine 3-teilige Serie mit folgenden Berichten:

Wandern in der Schweiz – Teil 1: Der Kanton Graubünden
Wandern in der Schweiz – Teil 2: Touren, Natur & Landschaft 
Wandern in der Schweiz – Teil 3: Menschen und ihre Geschichten

Alle Fotos der Tour habe ich hier zusammengestellt:
Fotoalbum „Graubünden (Schweiz)“ bei flickr (122 Fotos)

 

Logo GraubündenVielen Dank an den Tourismusverband Graubünden für die Einladung zu dieser eindrucksvollen Reise durch die östliche Region der Schweiz!

5 Kommentare

  1. Wie wär`s mit einem Besuch bei Adi und Fabienne in Wiesen, im Restaursant Statiönli. Wunderbare Wanderwege aus Davos oder … führen zu dem originellen Kleinod, das mit -im wahrsten Sinne des Wortes- fabelhaften Kuriositäten geschmückt und mit viel Herzblut geführt wird. Mitten im Wald versteckt, jedoch unweit der Bahnlinie der „Rätischen Roten“ … lockt das Beizli zum Verweilen uns Staunen.
    Jeweils einmal im Jahr hallen rockige Klänge durch den Wald. Die Felsen lassen sich dadurch nicht schrecken. Im Stätiönli lässt es sich wunderbar verstecken. Frohe Tage und viel Freude. JoJo
    http://www.jojodino.ch

  2. Hallo Jojo, kann mich nur leidenschaftlich diesem Tip-_Trip anschliessen. Wir sind 2-3 mal im Jahr bei ihm (übrigens stammt er von hier aus Val Müstair) und jedesmal gibt es eine neue Ueberraschungskunst aus Schrottdingen, eine neue Verspieltheit toll upgesycelt im wahrsten Sinn des Wortes. Möchtet Ihr mal einen „Katzentron“ an der Hauswand sehen, eine alte Musicbox füttern und Rock aus den 60igern hören oder einfach in seiner Phantasiewelt schwelgen? Uebrigens, auch kein Tisch/Sitzgruppe ist gleich, denn auch hier wird upgesycelt und Ihr traut Euren Augen nicht, was Adi so alles an Möbeln „komponiert“. ….Und die selbstgebackenen Kuchen – ich sage Euch…! Also – möchtet Ihr Euch wirklich willkommen fühlen? Bei Adi und Fabienne ist das wahrhaftig noch möglich. So ganz nebenbei wandert Ihr dann zum Unesco Kulturerbe – der einmaligen Eisenbrücke ca. 30 Min. entfernt. Wer abschalten, Abhängen möchte oder „Gsprächle“ möchte und/oder auch Ruhe sucht, im Statiönli Wiesen ist das bei Selbstbedienung noch Alltag! Kinder können auch Ziegen bewundern und seinen Hund, der immer spielen möchte. Viel Vergnügen und Allegra!

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