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Wandern in der Schweiz – Teil 2: Touren, Natur & Landschaft

Wandern in der Schweiz – Teil 2: Touren, Natur & Landschaft

Dass die Schweiz ein reizvolles Reiseziel für Wintersportler und Bergsteiger ist, dürfte allgemein bekannt sein. Doch gerade in der Zeit dazwischen – von Frühling bis Herbst – kommen Naturliebhaber als auch Wanderfreunde besonders auf ihre Kosten. Die 26 Kantone der Schweiz bieten abwechslungsreiche Landschaften und unterschiedlich ausgeprägte Kulturen auf kompakter Fläche. Es scheint als warte hinter jeder Bergkette ein neues Stück Natur, nach jedem Bergtunnel ein landschaftlicher Wechsel. Im größten Kanton Graubünden trifft man vor allem auf rätoromanische Kultur, einsame Wanderpfade und naturbelassende Regionen. Auf unserer Blogger-Reise erkunden wir den äußersten Osten Graubündens, vom Unterengadin über den Nationalpark bis zum Val Müstair, und erleben die Schweiz in ihrer ursprünglichsten Form.

Das erste Mal wandern in der Schweiz… Auch wenn ich auf meinen bisherigen Touren überwiegend ans Meer gereist bin, faszinieren mich immer wieder die Berge. Das Gefühl gewachsen zu sein nach dem Aufstieg, der erhabene Blick von ganz oben, die Stille dort wo keine Bäume mehr sind: das erlebt man nur auf einem Berg. In Schottland ging es Richtung Ben Nevis, in Irland durch die Wicklow Mountains, in Südtirol mit dem Lift in den Schnee, doch nie war ich so hoch wandern wie in den Berge Graubündens. Die 2.095 Meter der „Alp la Schera“ sind da nur der Anfang.

Der Schweizerische Nationalpark

Wandern im Schweizerischen Nationalpark „Natur sich selbst überlassen“ – mit dieser Vision gründeten vor genau 100 Jahren Pioniere den Schweizerischen Nationalpark (SNP), welcher bis heute als ältester Nationalpark der Alpen gilt. Auf einer Fläche von 170 km² zwischen dem Engadin und dem Val Müstair erstreckt sich dieses einmalige und größte Wildnisgebiet der Schweiz. Die besonders strengen Schutzauflagen des Parks ermöglichen eine ungestörte Entwicklung der Landschaft samt Pflanzen- und Tierwelt. Dieses Alleinstellungsmerkmal lockt vor allem Wissenschaftler aus aller Welt an, verrät uns Prof. Dr. Heinrich Haller (Direktor des Schweizerischen Nationalparks). „Der Park ist ein Projekt“, erklärt er weiter, welches im Kern drei Ziele verfolgt: Naturschutz, Forschung und Information. Die Natur sich selbst überlassen heißt auch, natürlichen Schädlingen, wie Borkenkäfern oder auch Lawinen, Raum geben. Erst so kann sich „Wildnis zurück entwickeln“ und wir Menschen davon lernen.

In Graubünden werden extra geführte Wandertouren und thematische Exkursionen angeboten, auf denen man den Nationalpark live erleben kann. Ein zentraler Ausgangspunkt für alle Wanderungen ist Zernez. Auch wir starten von dort aus unsere beiden Wandertouren (Easy Level):

  1. Punt la Drossa –  Alp la Schera (2.095 m) – Il Fourn (4 Stunden, 400 HM)
  2. Champlönch –  Il Fourn (2 Stunden, 177 HM, überwiegend bergab)

Wandern im Schweizerischen Nationalpark: Tiere in der Wildnis beobachtenSchnell werden wir zum Beobachter von Natur und Wildnis und erkennen: Hier ist nichts von Menschenhand verschönt, außer intakt gehaltener Wege. Auf umgefallenen, scheinbar toten Baumstämmen wächst neues Leben, auf einer Lichtung strahlen wilde Pflanzen in zahlreichen Farben. Auch die Wegpflicht für Wanderer und das Verbot von Mountainbikes sowie Hunden kommen den wilden Tieren der Region entgegen. Während unserer Mittagspause an der Alp la Schera beobachten wir in aller Ruhe ein Grüppchen Murmeltiere im Hintergrund, Gämsen auf der anderen Seite des Berges durchs Fernglas und ein Reh samt Junge am Waldesrand. Die Ruhe, die man dem Park schenkt, ist gleichzeitig ein Geschenk zurück. Auf unseren beiden Wanderungen laufen wir zum Teil ganz für uns oder treffen nur wenige Wanderer, die ebenso respektvoll mit der Natur umgehen. Mehr über die Hintergründe des Schweizerischen Nationalparks kann man im Nationalparkzentrum in Zernez erfahren (sehr schön auch für Kinder) oder mit der iWebPark-App in Form eines digitalen Guides unterwegs erleben.

 

Auf dem Jakobsweg von Lü nach S-Charl

Wandern durch Graubünden – Lü bis S-CharlNeben dem Nationalpark bieten auch andere Regionen Graubündens abwechslungsreiche Wege auf über 1500 Kilometern, egal ob anspruchsvolle Höhentouren, leichte Wanderrouten oder lehrreiche Themenwege für die ganze Familie. Unsere nächste Wandertour (Medium Level) führt vom Val Müstair über den Pass da Costainas runter ins Val S-char wie folgt:

Lü (1.920 m) – Pass da Costainas (2.251 m)– S-Charl (1.811 m)
(5 Stunden, 480 HM)

Wanderführer Henri DuvoisinBegleitet werden wir von Wanderführer Henri Duvoisin, der sich als dankbare Quelle in Sachen Flora und Fauna beweist. Als studierter Mediziner, Psychologe und ausgebildeter Wanderführer, kann er nahezu jede Pflanze benennen (Latein, französisch und Deutsch!), an jeder Ecke eine Geschichte über die Region erzählen und uns vor eventuell angreifenden Mutterkühen beschützen. Letzteres müssen wir zum Glück nicht testen. Nachdem wir die Asphaltstraße hinter Lü verlassen, geht es etwa 300 Meter stramm aber gleichmäßig bergauf zum Pass da Costainas. Die Anstrengung lohnt sich: Auf 2.250 Höhenmetern breitet sich ein atemberaubender Rundblick vor, hinter und neben uns aus. Die Sonne lässt alles hier oben noch satter wirken: das Grün der Wiesen, das Gelb der Wildpflanzen und selbst das Weiß der schneebedeckten Berggipfel. Genau so habe ich eine typischen Wanderweg in den Schweizer Alpen vorgestellt, nur dass es noch viel schöner ist. Einmal oben angelangt, geht es flacher weiter durch einen duftende Lärchenwald bis zur Alp Astras, wo wir eine Gruppe Milchkühe kreuzen. Zugegeben, mir ist nicht ganz geheuer dabei… doch als einige der Kühe neugierig auf uns zu schlendern und vor der Kamera posieren, verdrängt meine Freude darüber die anfängliche Angst. Gleich hinter der Kuhherde schließt sich ein Feld freilaufender Pferde an, welche als nächstes die bewirtschafteten Wiesen abgrasen, erklärt uns Henri. Bevor wir bergab ins Val S-Charl wandern um dort unsere Endstation zu erreichen, durchqueren wir noch den höchstgelegenen Arvenwald Europas, den „God da Tamangur“.

„God da Tamangur“ – Europas höchster Arvenwald

Der "God da Tamangur"„God da Tamangur“, das klingt wie ein mythischer Wald aus einem Harry Potter Roman. Nicht ganz von der Hand zu weisen, so wirkt dieser zu deutsch „Wald da hinten“ tatsächlich wie ein verwunschener Märchenwald. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass die Arve (Zirbelkiefer) an sich zu einem der robustesten Bäume seiner Art zählt und eine gewiesene Beständigkeit ausstrahlt. Sie wächst sehr langsam, kann bis zu 1000 Jahren alt werden, auf einer Höhe von bis zu 2.400 Metern wachsen und extreme Hitze als auch Kälte bis zu +/-40 °C aushalten.

Die Arve gilt als Symbol für Hartnäckigkeit, Überlebenswillen und Stärke der romanischen Kultur und Sprache. Die Menschen, die wir im Engadin treffen, pflegen wahrscheinlich genau aus diesem Grund das Sprichwort: „Stirbt der Tamangur, dann stirbt auch der Mensch.“

Im 86 ha großen Naturwaldreservat „God da Tamangur“ kann sich – ähnlich wie im Schweizerischen Nationalpark – die Natur frei entwickeln. Beschädigte, abgestorbene Bäume werden liegen gelassen, gefällt wird hier gar nicht mehr. Eine weitere faszinierende Geschichte steckt hinter den Arvenzapfen und dem Tannenhäher… man könnte auch sagen sie stehen in eheartigen Gemeinschaft zueinander. Im Gegensatz zum Menschen, kommt der Tannenhäher sehr gut an die hoch im Wipfel hängenden Zapfen heran und kann sie ohne Mühe knacken. Vor Eintritt des Winters bunkert er etwa 30.000 bis 100.000 Arvennüsse pro Jahr (!!!) im Wald verteilt. Zur Freude der Arve, findet der schlaue Vogel immerhin aber nur 80 % seines Wintervorrates wieder. Aus den restliche 20 % entstehen neue, robuste Arvenbäumchen. Für mich ist der Tannhäher damit auch ein kleiner Held und Retter der Bergwälder.

Transport von Ort zu Ort

Auch bei einer mehrtägigen Wandertour muss man nicht auf Luxus verzichten. Viele Unterkünfte (von Hotels bis Hütten) als auch Veranstalter bieten einen Gepäcktransport mit an. Gerade bei anspruchsvolleren Bergtouren oder Wandern mit der Familie kann dies sehr erleichternd sein. Von Ort zu Ort kann man in Graubünden besonders gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen. Größere Orte erreicht man mit der Bahn, etliche kleinere Ortschaften mit dem Bus (Postauto). Dieser ist eingespielt auf Wander- und Wintertouristen, sodass man sehr gut auch ohne Auto vor Ort reisen kann. Mit dem Fokus auf solche Projekte hat sich das Engadin einen Namen als „Modellregion für Nachhaltigkeit“ gemacht und bereits 2011 den Umweltpreis des Milestone-Tourismuspreises gewonnen.

Mehr über die Hintergründe Graubündens

Gerade die Details und der besondere Blick auf Natur und Menschen machen unsere Tour durch Graubünden aus. Auf meiner ersten Reise durch die Schweiz interessieren mich vor allem die Themen Wandern, Naturerlebnis und Nachhaltigkeit. Mit diesem Fokus schärfe ich meine Sinne, halte die Augen offen und sauge alle Eindrücke auf wie ein Schwamm. Entstanden ist daraus eine 3-teilige Serie mit folgenden Berichten:

Wandern in der Schweiz – Teil 1: Der Kanton Graubünden
Wandern in der Schweiz – Teil 2: Touren, Natur & Landschaft 
Wandern in der Schweiz – Teil 3: Menschen und ihre Geschichten

Alle Fotos der Tour habe ich hier zusammengestellt:
Fotoalbum „Graubünden (Schweiz)“ bei flickr (122 Fotos)

 

Logo GraubündenVielen Dank an den Tourismusverband Graubünden für die Einladung zu dieser eindrucksvollen Reise durch die östliche Region der Schweiz!

2 Kommentare

  1. Pingback: Wandern in der Schweiz – Teil 1: Der Kanton Graubünden | Landlinien Outdoor-Reiseblog

  2. Pingback: Wandern in der Schweiz – Teil 3: Menschen und ihre Geschichten | Landlinien Outdoor-Reiseblog

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