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Via de la Plata (Tag 06): Wenn Engel reisen

Carcaboso – Cáparra (19,8 km)
Eine Nacht geschlafen und der nächste Tag fühlt sich schon ganz anders an. Mein Körper hat sich von den gestrigen Anstrengungen erholt. Meine Laune auch. Die Tatsache, dass Streit etwas ist was passiert genauso wie die schönen Momente, relativiert das schlechte Gefühl. Erst die Kombination aus beiden Seiten, wie Feuer und Wasser, führen zum Seelenfrieden.Ich wachse.

Wie am vorigen Abend 5mal durchdacht und dann auch abgemacht, sitzen wir zusammen mit dem Schweizer Pärchen im Taxi auf dem Weg in das 10 km weiter weg gelegene Carcaboso. Auf Spanisch macht Joachim noch unsere Rückfahrt vom Torbogen Cáparra bis zum nächsten Ort klar. „Raul“, der Taxifahrer, versorgt uns mit Visitenkarten und ist scheinbar froh über das arrangierte Geschäft. Wir auch.

In Carcaboso trennen wir uns von Joachim und Agatha, mit der Aussicht auf unser späteres Ziel am Torbogen. Gestärkt und wach marschieren wir zügig los. Ich genieße die morgendliche Kühle, bevor es bald schon wieder heiß wird. Das Laufen fällt mir erstaunlich leicht. Völlig gegensätzlich zu meinem gestrigen Gefühl bevor ich eingeschlafen bin. In diesem Moment bin ich froh, dass ich die Tour nicht mit dem Bus übersprungen habe.
Wie bei nahezu jedem Tourstart schmerzen meine Waden leicht. Und mein linker Fuß schläft ein. Das hatte ich jetzt schon öfter. Zuerst versuche ich so weiterzulaufen. Fühlt sich aber irgendwie komisch an. Wie ein Fremdkörper der an mir hängt. Sehr ungünstig wenn man über Stein und Hügel geht. Das bringt so nichts. Ich halte kurz an, nehme eine Magnesium Tablette und bücke mich (ohne den Rucksack abzulegen) um meine Schuhe lockerer zu schnüren. Als hätte ich es geahnt: in gehockter Haltung reißt meine ohne hin leicht zu enge Hose im Schritt. Na toll. Aber natürlich bin ich auf diesen Fall vorbereitet: das Nähzeug ist auch mit im Gepäck. Vorerst laufe ich so weiter, bis sich die nächste Möglichkeit ergibt die Hose zu wechseln.

Nachdem wir den flachen Landstrich, der mich sehr stark an die Eifel erinnert, hinter uns gelassen habe, geht es über einen kleinen Fluss den gelbe Pfeilen nach wieder steil bergauf. Bäh: ich hasse Steigungen. Da war keine Rede von in unseren Reiseführern! Nach 15 Minuten ist es dann auch schon geschafft. Es geht in einer ganz anderen Welt weiter. Der Trampelpfad schlängelt sich unregelmäßig zwischen riesigen Steinen, eher Felsen, und verschnörkelt wachsenden Eichen. Der Boden ist sattgrün und federt jeden meiner Schritte sanft ab. Zwischen all den Steinen und Bäumen verstecken sich hier und da verschieden farbige Kühe. Abwechselnd von Schatten zur Sonne, gleichbleibend im Rhythmus. Schnell finde ich mein Tempo wieder, verliere mich in Gedanken und eröffne meine Reise ins Innere meiner selbst. Berauscht.

Während wir so durch diese Traumwelt schweben, male ich mir aus wie die Menschen sich früher von ihrem Bauchgefühl geleitet niedergelassen und Siedlungen erbaut haben. Dieses Gefühl hab ich hier. Genau hier würde ich mein imaginäreres Zelt aufschlagen und bleiben. Für eine Zeit. Einfach da sein, zwischen den Steinen, den Bäumen und den Kühen und nichts tun. Parallelen tun sich wieder zu „World of Warcraft“ auf. Als würde man von Welt zu Welt laufen, eine so völlig anders als die Andere. Die WOW-Erfinder sind mit Sicherheit vorher auch die gesamten 1000 km gepilgert…

Gut dass wir nach an der letzten Kreuzung Rast gemacht und noch mal in den Reiseführern gelesen haben. Sonst wären wir bestimmt falsch gelaufen. Das wäre dann aber auch das erste Mal gewesen: bisher läuft alles nach Plan ohne einen Verlaufer. Von einer ruhigen Landstrasse unterbrochen, geht es weiter auf einem 5 Meter breiten Weg: die 5 km lange Canada bis zum Torbogen Cáparra. Und wieder tauchen betreten wir eine ganz andere Welt: trockene Laubbäume, weite Strohwiesen, Steinmauern, weiter Blick in die Ferne. Könnte auch die Provence sein. Der flache, weite Weg ist gut zu Laufen. Auch das Klima ist perfekt. Die Sonne lässt mich in Shorts und kurzem Shirt laufen. Der sanfte Wind kühlt den Kopf. Dafür dass die Strecke so hoch gelobt ist im Reiseführer, bin ich etwas enttäuscht. Ich finds auf Dauer etwas langweilig hier. Steigungen find ich zwar extrem doof. Immer flach geradeaus aber irgendwie auch. Egal. Hauptsache wir laufen.

Die Langweile lenkt meinen Blick auf die Dinge, die man sonst eher übersieht. Wie zum Beispiel die endlos vielen Ameisenstrassen. Quer über den Weg. Was machen die denn da eigentlich? Und wo laufen die hin? Fasziniert bleiben wir stehen und inspizierten eine der etlichen Ameisenstrassen. Eindeutig laufen alle Ameisen zu dem Hauptbau und versorgen ihn mit Zeugs: Krümmel aus Essen oder Baumaterial schätz ich mal. Dabei gibt es die vielen kleinen Arbeiterameisen und etwas größeren Offizierameisen. Diesen laufen die Ameisenschlange entlang und geben Anweisungen. Alles schön sortiert hier. Mal gucken was passiert, wenn man den Eingang zum Bau mit einem großen Stein verschließt. Uiuiui… dann ist Hektik angesagt. Aufgeregt laufen die Offiziersameisen entgegen der Schlange und geben Anweisungen. Kurz darauf kehren die Arbeiterameisen alle um Richtung Problemstelle Stein. Meinen die wirklich sie könnten den Stein hochheben? So langsam tun die Armen mir leid. Ich entferne den Stein und überlasse den Arbeitstieren ein neues Stück Arbeit.

Die Schilder am Wegesrand deuten es schon an: es ist nicht mehr weit bis zum Torbogen. Nur noch wenige Meter. Versteckt soll er liegen, der Torbogen. Plötzlich erscheinen soll er hinter dichtbewachsenen Büschen. Und ja da steht er, einsam und kalt aus Stein. Der Torbogen Cáparra. Drumherum eingezäuntes Ausgrabungsgebiet. Ja und nu? Irgendwie hab ich mir nach der spannenden Ankündigung im Reiseführer mehr erwartet. Auf der anderen Seite bin ich in diesem Moment einfach nur froh das heutige Tagesziel erreicht zu haben und mir gleich den Luxus Taxi zu gönnen. Das Schweizer Pärchen hat uns kurz vor dem Torbogen eingeholt und schließt sich nun unseren Plänen an. Da Joachim der Einzige ist der Spanisch spricht, drücke ich ihm das Handy ihn die Hand. Gewählt ist die Nummer von Raul, dem Taxifahrer. In 30 Minuten ist er da. Perfekt um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen.

Das Taxi rollt los, beschleunigt, fährt schneller… was für eine Geschwindigkeit. Als würden wir fliegen. Überfordert mit dem verändert schnellen Tempo, blicken wir Pilger staunend und wortlos aus dem Fenster. Raul unterbricht unsere Gedanken, als er vorschlägt uns noch weiter fahren zu können. Den Gedanken hatte ich auch schon mal… zusätzlich zu den folgenden 20 km noch 10 km Anstieg (mein Hassfreund) überspringen. Damit verkürzen wir auch unsere morgige Etappe. Die Idee finden alle super. Wir rasen weiter. Auf der Autobahn wird der Rausch noch rascher. Ich hab das Gefühl schon 30 km zurückgelegt zu haben. Wir müssten doch längst da sein. Jegliches Gefühl für Entfernung und Zeit ist verzerrt, entschleunigt. Je weiter wir kommen, desto bergiger wird die Landschaft. Wir fahren genau auf die Berge zu! Und es wird kalt, grau und ungemütlich.

Nach den letzten Kilometern bergauf auf Asphalt erreichen wir endlich Banos de Montemayor. Raul bekommt seine vereinbarten 40 € und wir machen uns auf die Suche nach einem Hostal. Und die gibt es hier reichlich, laut Wegweiser. Nach einem kurzen Orientierungslauf trennen sich unsere Wege von dem Schweizer Pärchen. Während die beiden weitersuchen, steigen wir im „Los Thermas“ ab. Ein ganz niedliches, gepflegtes Hotel. Und das Allerbeste: es gibt eine Badewanne auf dem Zimmer! Ich werd wahnsinnig! Das ist ja der Hammer! Erstmal breiten wir uns im gesamten Zimmer aus: gewaschen Socken und T-Shirts hängen zum Trocken über der Gardinenstange und der Heizung. Die Sachen, die wir morgen mit der Post nach Hause schicken wollen, liegen aussortiert auf einem Haufen. Unsere restliche Fressalien stehen bereit zum Verzehr auf dem Nachtisch. Alles erledigt. Ich kann baden.

Was soll ich sagen? Als wäre ich einen Tag lang von morgens an bis abends im Saunaparadies gewesen. Traumhaft! Eingekuschelt in die frische Bettwäsche, eliminieren wir unsere letzten Vorräte. An diesem Abend bewegen wir uns keinen Meter mehr aus dem Zimmer. Müdigkeit breitet sich aus. Als hätten die Wolken nur darauf gewartet, dass wir ein Dach überm Kopf haben, fängt es draußen plötzlich an in Strömen zu regnen. Aus Strömen werden Kübel. Richtig heftig plätschert und fließt das Wasser auf den Strassen. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen und denke Gott würde uns dafür bestrafen, dass wir so faul eine Etappe übersprungen haben. Fühlt sich irgendwie spirituell an. So wie wenn Engel reisen…

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