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Reisen durch Thailand: kritisch oder pessimistisch?

Warum man selber die Verantwortung trägt und auch kleine Taten Veränderung bringen

Dass Thailand Nick wie auch mich seit unserer ersten Reise verzaubert hat, und wir seitdem weiter dorthin zurückkehren, habt ihr sicherlich schon durch unsere Berichte mitbekommen. Wir haben die schönsten Momente in Bildern festgehalten, waren vor Ort oft auf der Suche nach weniger touristischen Ecken und haben uns auch mit Einheimischen angefreundet, mit denen wir heute immer noch Kontakt haben. Neben all der Schönheit dieses Landes sind uns natürlich auch die Schattenseiten aufgefallen, die man manchmal erst entdeckt, wenn man genau hinschaut oder länger durch das Land reist.

Besonders unsere letzte Reise war sehr intensiv, was die kritische Auseinandersetzung mit Thailand und dem Massentourismus dort angeht. Neben den rasanten, baulichen Veränderungen auf Inseln wie z.B. Koh Phangan sind uns die zunehmenden Tourismusströme aus aller Welt aufgefallen. An vielen Orten, die wir vor unserer Reise als „Geheimtipp“ oder „wenig besucht“ recherchiert haben, war es schlichtweg voll. Und damit meinen wir nicht Orte wie Koh Phi Phi oder Koh Tao, die wir ohnehin gemieden haben. Es ist ein zweischneidiges Schwert, wenn man anfängt zu grübeln und das Reisen, nicht nur das der anderen, sondern auch das eigene, hinterfragt. Werden Fernreisen schlichtweg zu günstig angeboten? Sollte es eine Regulierung geben? Und wie kann es sein, dass eine Pauschalreise innerhalb Europas in Konkurrenz zu einer Pauschalreise nach Thailand steht?

Fernreisen um jeden Preis?

Anfang des Jahres haben wir in einem Schaufenster eines Kölner Reisebüros eine Anzeige hängen sehen über eine Pauschalfernreise nach Koh Samui inklusive Flug, Transfer und Unterkunft für 12 Tage und knapp 1.300 €. Wie kann denn sowas sein? Und wie kann man sowas guten Gewissens anbieten? Mal ganz abgesehen davon, dass man in den 12 Tagen kaum irgendwas großartig von dem Land und den Leuten entdecken kann, ist es schlichtweg eine Frechheit, eine Fernreise so billig anzupreisen. Aber vielleicht trifft das genau den Kern unserer Zeit: ICH WILL DAS JETZT BILLIG, alles andere ist egal. Wo kommen wir hin, wenn die Fernreise günstiger wird als das Reisen im eigenen Land? Wenn importierte Lebensmittel immer da sind und das auch noch günstiger als die eigenen? Wenn ein Bahnticket nach Berlin mehr kostet als ein Flug? Die Frage ist eigentlich überflüssig, denn wir wissen es längst. Und trotzdem können wir es nicht lassen. Warum ist das so?

WDR Reportage: „Kritisch Reisen – Thailand“

Die Reportage des WDR „Kritisch Reisen – Thailand“ vom 9. Januar 2019 bestätigt in Teilen unsere Beobachtungen der letzten Jahre. In dem Bericht wird vor allem die Region um Phuket, Khao Lak, Phang-Na, Koh Tao und Koh Phi Phi porträtiert. Die beiden Reporter zeigen, wie sich der Tourismus und die Angebote vor Ort entwickelt haben und vergleichen ihre Bilder zum Teil mit Bildern, die sie vor 10 Jahren aufgenommen haben. Man kann deutlich erkennen, wie die Riffe samt ihrer Bewohner mehr und mehr abgestorben sind. Diese Erfahrung mussten wir leider letztes Jahr auch machen, auch wenn wir auf unser ganzen Reise nur zwei Schnorchelausflüge gemacht haben, und das mit einem privat gemieteten Boot zu den weniger besuchten Orten. Wir waren schockiert über den riesigen Korallenfriedhof und haben teilweise mehr Plastik aus dem Meer gefischt, statt freudevoll zu schnorcheln, was die Thais an Board durchaus verwundert hat. Können wir unter diesen Umständen überhaupt noch vor Ort schnorcheln gehen?

Mein Einfluss als Tourist

Was der Bericht auch zeigt ist, wie man sich richtig und wie man sich falsch verhalten kann. Wir sind der Meinung, dass es bei allem das Maß der Dinge ausmacht. Es kann auch ein Ausflug reichen, und auch die Auswahl des Anbieters kann entscheidend sein. Wenn man sich die Mühe macht, genau zu recherchieren, wird man auf Menschen treffen, die sich vor Ort für den Erhalt der Riffe engagieren und die Touristen auch angemessen aufklären. Es gibt beispielsweise bereits Projekte, die sich der Rekonstruktion der Riffe widmen. Das sind vielleicht nicht viele, aber es ist ein Anfang. Und dann habe ich als Tourist auch immer die Wahl: Was mache ich vor Ort? Mit wem? Nehme ich eine Plastiktüte an, oder habe ich einen Stoffbeutel dabei? Lerne ich ein paar Wörter Thai, um den Plastikstrohhalm im Drink abzulehnen, oder bin ich zu faul? Helfe ich beim Müll entsorgen, oder schmeiße ich meinen einfach dazu? Nehme ich alles was billig ist, oder kann ich auch mal verzichten?Aunty Bee`s Eco Handicraft

Engagierte Akteure auf Koh Lanta

Besonders auf Koh Lanta haben wir letztes Jahr die Erfahrung gemacht, dass es auch anders geht und dass WIR mehr Einfluss haben, als wir meinen. Zumal es aus meiner Sicht sogar unsere Pflicht ist, bewusst durch fremde Länder zu reisen. Alles andere ist ehrlich gesagt nur beschämend. Durch Zufall ist uns bei unserer Anreise im Februar 2018 in Bangkok einer dieser Pocket Guides über Koh Lanta in die Hände gefallen. Darin entdeckten wir ein eigenes Kapitel über die „grüne Bewegung“ auf Koh Lanta. Das stimmte uns neugierig, so dass wir noch am selben Abend per Mail Kontakt mit den genannten Akteuren aufnahmen. Wir tauschten uns aus und machten bereits Treffen für unsere Zeit auf Koh Lanta aus. Und wir redeten darüber mit anderen Touristen, die wir trafen, mit Euch im Social Web und mit Thais. Was wir zurückbekamen war wiederum Neugier, Befürwortung und Interesse. Auf Koh Lanta wurden wir freudig erwartet, was unseren Wissensdurst noch mehr steigerte. Wir besuchten Aruna und Chai, beides mit die Hauptakteure auf der Insel was diverse Umweltprojekte angeht, auf ihrer autarken Shaan & Jeevan´s Eco-Farm, sammelten Müll mit den Trash Heroes Roman und Kate und entdeckten wie einfach es geht, dank Refill-System Wasser abzufüllen statt Plastikflaschen zu kaufen. Von da an nahm unsere Recherche und das Kennenlernen engagierter Akteure seinen Lauf, auch über Koh Lanta hinaus. Auch auf Koh Jum wurde Müll gesammelt und getrennt, wie uns Odd-Chokchai Eksuphab (einer unser Thai Freunde bis heute) von den Koh Jum Beach Villas deutlich gezeigt hat. Und nicht nur das: Auch als Anbieter vor Ort, wie der Betreiber der Beach Villas Ken Seibt, kann man Verantwortung tragen und die Art des Tourismus beeinflussen, wie wir selber erleben durften.

Es geht also…

…wenn man sich die Zeit nimmt und offen ist. Vielleicht mag das für den ein oder anderen wie „das ist ja nur der Tropfen auf dem heißen Stein“ oder „niedlich“ oder „idealistisch“ klingen (alles schon gehört), aber dann kann ich nur entgegen: Und was dann? Was ist die andere Lösung? Andere verantwortlich machen, auf die Regierung schimpfen oder die Massen an Touristen? Ja, das stimmt ja auch alles, aber durch diese Art der Diskussion landen wir früher oder später immer in eine Sackgasse. JA ABER bringt rein gar nichts. Es ist nur in unserem Kopf, und oft hält so eine „Diskussion“ wie ich sie jetzt schon öfter erlebt habe – sehr gerne bei Facebook – nur 5 Minuten an, dann vergeht die Lust weiter in das Thema einzutauchen. Ganz ehrlich: Das bringt gar nichts.

Trash Man

Nachhaltigkeit für uns

Wir bleiben weiter dran, so wie wir es können, unseren Beitrag zu leisten, egal ob wir hier zu Hause in Deutschland oder auf (Fern-)reisen sind. Wir sehen Nachhaltigkeit als ein gesamtes Konzept und nicht nur als „das Fliegen“ oder „der Müll“ oder „das Essen“. Das ist viel zu einfach und pauschal gedacht (s. Sackgasse). Wir versuchen stets kritisch zu sein, ohne dabei pessimistisch zu werden. Wir suchen nach Wegen und Lösungen und sind auch bereit, Kompromisse einzugehen, auch wenn wir damit eben nicht „perfekt“ sind. Wir möchten unsere Erfahrungen und Gedanken teilen, denn das ist mit ein wichtiger Beitrag, den wir leisten können, wenn wir reisen. Und das ist für uns der Auftrag von Landlinien.

Landlinien wurde Anfang 2009 von Designerin Daniela Klütsch gegründet. In ihrer Agentur daklue beschäftigt sie sich hauptberuflich mit Kommunikation für nachhaltige Unternehmen. Wie beim Reisen spielt auch dort das Thema „Entschleunigung“ eine große Rolle. Wenig kommunizieren, dies aber bewusst, achtsam sein, mit sich selbst und seiner Umwelt… das sind Gedanken die sie Tag für Tag antreiben

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