Südbelgien, das Land der Sammler und Trödler
Belgien Reiseberichte

Südbelgien, das Land der Sammler und Trödler

Unterwegs in der Wallonie auf Trödelmärkten und Antikmessen

Schon als Kind habe ich regelmäßig an Flohmärkten teilgenommen. Auf einer Picknickdecke mit alten Comics, Kinderspielen und Kuscheltieren verbrachte ich den ganzen Tag damit, mein Taschengeld aufzubessern. Am Ende des Tages wurde dann stolz die Flohmarktkasse geleert und der nächste Termin vorbereitet. Lustigerweise hat sich daran bis heute nichts geändert: ich habe nach wie vor eine große Leidenschaft für Flohmärkte! Sei es um dort wie früher das ein oder andere zu verkaufen, oder um stundenlang umher zu schlendern und Ausschau nach besonderen Raritäten zu halten. Das mag auch an der Sammelleidenschaft meiner Familie liegen. In meinem alten Zuhause findet man Antiquitäten aus Irland, altes Blechspielzeug oder nostalgisch geblümtes Geschirr. Ein wahres Eldorado für Trödelliebhaber ist Belgien mit seinen vielzähligen Märkten und Antikmessen. Von Köln aus erreicht man das Trödelmarktland in gerade mal 3 Stunden, so dass sich schon ein Tagesausflug oder ein Wochenendtrip lohnt.

Manuela beim Trödelmarkt
Ich mitten drin beim Trödelmarkt (hier zusehen in Köln)

Ciney Puces – einer der größten Trödel- und Antikmärkte Südbelgiens

In Ciney – in der Nähe von Namur – wurde vor etwa 40 Jahren der Grundstein für mittlerweile einen der größten Trödel- und Antikmärkte der Wallonie in Belgien gelegt. Joseph Laloux, Gründer des Ciney Puces, war damals Präsident eines Basketballvereins und veranstalte regelmäßig Trödelmärkte, um Geld für den Verein zu sammeln. Damals waren Trödelmärkte bereits sehr beliebt in Belgien, so dass es relativ simpel war alte, teils antike Gegenstände in Geld zu verwandeln. Die Resonanz und der Andrang wurden mit der Zeit so groß, dass Joseph Laloux weitere Trödelmärkte organisierte. Seine Kinder unterstützen ihn dabei und der Ciney Puces wurde immer größer. Die einstige Viehhalle samt angebauter Zelte reichten allerdings nicht mehr aus, so dass im Jahr 2000 die Messehalle der heutigen Ciney Expo erbaut wurde.

Beim Erzählen seiner Geschichte, merkt man Joseph Laloux (Gründer der Ciney Expo) seine Leidenschaft für den Trödel- und Antiquitätenmarkt heute immer noch an. Es ist seine Faszination für alte Gegenstände, die durch Generationen hinweg über Jahre genutzt, verwahrt, gehegt und gepflegt wurden. Ich kann sehr gut nachvollziehen was er damit meint, denn auch für mich ist ein Gegenstand nichts rein Materielles, sondern – je nach Kontext und Zeit – ein Relikt aus einer anderen Zeit. Hinter jedem Gegenstand auf dem Ciney Puces versteckt sich eine Geschichte, die einst in Vergessenheit geratenen ist.

Südbelgien, das Land der Sammler und Trödler
Theo Zels und das Service aus dem Tresor

Eine faszinierende Geschichte erzählt Theo Zels, ein Händler der dreimal im Jahr auf der Ciney Puces seine Schätze zum Verkauf anbietet und die familiäre Atmosphäre dort sehr schätzt. Eines seiner ganz besonderen Schätze: ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes Rosenthal Service im Wert von etwa 1.900 Euro, welches ihm eine ältere Dame überlassen hat. Dass es noch so gut erhalten ist liegt daran, dass es laut Theo Zels den Zweiten Weltkrieg unbeschadet in einem Banktresor überstanden hat. Das Porzellan ist völlig unberührt und makellos. “Wir können nur genießen…wir können nichts mitnehmen”, erzählt Theo Zels über seine Antiquitäten. Ich halte eine Rosenthal Teetasse in meiner Hand und bin froh diese wieder unbeschadet auf dem Tisch abzustellen. Bei dem Gedanken daran, welch wertvolle Gegenstände sich um mich herum befinden, bewege ich mich immer vorsichtiger durch die Messehalle und behandle jede Dose, jede Tasse, jeden Teller wie ein rohes Ei. “Das was man hier sieht ist die Vergangenheit…es wird nicht mehr hergestellt”, gibt mir Theo Zels mit auf den Weg. Zum einen fasziniert mich dieser Einblick in die Vergangenheit, zum anderen stelle ich später fest, bin ich gleichzeitig froh manche Gegenstände in der Vergangenheit zurücklassen zu können.

Ein weiteres Highlight des Ciney Puces ist neben der Sammelleidenschaft des Publikums, die Art und Weise wie der Verkaufsstart des Trödelmarktes erfolgt. Vor dem Tor versammeln sich bereits am Morgen eine Traube an Menschen, dahinter ein großer Parkplatz über zwei Ebenen. Die Atmosphäre wirkt positiv angespannt, die Menschen werden zunehmend nervöser. Um Punkt 14 Uhr wird das Tor geöffnet und die Besucher inklusive der Händler, bewegen sich schnellen Schrittes in Richtung Autos und Transportern.Während die ersten Sammler schon neugierig stöbern, öffnen die Händler ihre Laderampen und bauen hektisch ihre Stände auf. Nach circa 5 Minuten verlassen die Ersten den Trödelmarkt mit Sackkarre und schwerem, alten Mobiliar. Man muss scheinbar schnell sein, um die besonders kostbaren Schätze zu ergattern. Ich schlendere und stöbere nun selbst über den Markt, staune über den Inhalt offener Ladeflächen und beobachte wie hektisch und mit gezieltem Blick Frauen und Männer die präsentierten Waren unter die Lupe nehmen. Bei dem Anblick von sonderbaren Steinen die ein Mann auspackt, frage ich mich allerdings, ob die Herkunft dieser nun wirklich antik ist.

Gerade diese bunte Mischung an unterschiedlichen Kulturen, Menschen und Gegenständen, in die man auf dem Ciney Puces eintaucht, machen den Markt zu einer Reise durch die Vergangenheit. Ich persönlich finde, dass für jeden etwas preislich auf dem Markt zu finden ist. Ab 3 bis 5 Euro kann man dort bereits den ein oder anderen Gegenstand ergattern. Es lohnt sich Bargeld dabei zu haben, Scheine bevorzugt. Ich erstehe eine emaillierte Schüssel für 5 Euro. Diese ist zwar nicht antik, aber für mich eine Erinnerung an den ersten Besuch des Ciney Puces.

Südbelgien, das Land der Sammler und Trödler
Joseph Laloux, Gründer der Ciney Expo (rechts im Bild). Daniel Minet (links im Bild) ist vor Ort einer der Experten für Antiquitäten und unterstützt Interessenten bei der Einschätzung des Warenwertes.

Ciney Puces
Rue du Marché couvert 3
5590 Ciney
Belgique
cineyexpo.be

Weitere Veranstaltungen
Mittlerweile finden auf dem Gelände – neben der “Ciney Puces & Antiquités déballage au cul de Camion” – weitere Märkte wie z.B. zum Thema Oldtimer & prunkvolle Autos (“Rétromoteur & Véhicules de prestige”), sowie einer der größten, europäischen Militärmessen (die “Ciney Militaria”) mit über 12.000 Besuchern statt.



Die weltgrößte Sammlung lithografierter Blechdosen

Die weltgrößte Sammlung lithografierter BlechdoseLithografierte Blechdosen, 60.000 Stück, verteilt auf 4 Häuser… kaum vorstellbar oder? Keine Beschreibung und kein Bild kann diese unglaubliche, bunte Vielfalt wiedergeben. Das muss man sich vor Ort ansehen. Dieser „Schatz“ von Sammlerin Yvette Dardenne hat es bereits zweimal ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft. Die zierliche, sympathische 80jährige Dame empfängt ihre Gäste herzlich auf dem Gelände einer alten Mühle, wo sie und ihr mittlerweile verstorbener Mann zusammengelebt haben. Ein Schritt in ihr Wohnhaus und man befindet sich mitten drin: bereits im Flur stehen liebevoll drapierte Weißblechdosen, sanft beleuchtet. Man muss sich vorsichtig bewegen um keine Dose umzustoßen. Circa 3000 Dosen leben zusammen mit Yvette Dardenne in diesem kleinen Haus. Ich nenne bewusst die Dosen zuerst, weil es wirkt als hätten sie das Haus eingenommen und Madame Dardenne wäre hier der Gast. Das Schlafzimmer sei der einzige Raum, erklärt sie, in dem man keine Dosen findet. Ich selbst habe diesen Raum nicht gesehen, will ihr aber Glauben schenken…

Ein junges Mädchen mit blauem Hut, ziert die erste Weißblechdose der Marke Chocolat Côte d’Or, die Madame Dardennes Sammelleidenschaft entfachte. Weitere Kisten mit Dosen kaufte sie auf Flohmärkten, so dass die Sammlung rasch wuchs. Aus unterschiedlichsten Ländern kamen die Menschen zu Madame Dardenne und schenkten ihr Weißblechdosen. Die Älteste stammt aus dem Jahre 1868.

Ich betrete vorsichtig das ehemalige Wohnzimmer und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein Mini-Panzer, eine kleine Windmühle, Vasen, Wagons, Tiere und Teller und viele weitere Motive. Lithografien schmücken wie kleine Meisterwerke diesen Raum. Jedes dieser Werke wurde damals mit Tee, Kaffee, Schokolade, Keksen oder auch Gewürzen befüllt. “Was hat Ihr Mann denn zu Ihrer Sammelleidenschaft damals gesagt?”, frage ich sie. “Er war nicht wirklich begeistert. Wenn Du Dosen sammelst, dann sammle ich Tiere!”, erzählt sie schmunzelnd. Von der Sammelleidenschaft Ihres Mannes ist im Vergleich zur ihrer Weißblechdosen-Sammlung zum Glück weniger übrig geblieben. Ein paar Hühner, schwarze Schwäne, Esel und Pferde beherbergt sie heute noch.

Mein absolutes Highlight ist der Raum, den maximal drei Personen betreten dürften, versteckt in der alten Mühle, hinter einer Holztür. Ich betrete den Raum und kriege den Mund vor Staunen nicht mehr zu, halte die Luft an und kann nur drei Wörter sagen: “Oh mein Gott”. Bei dem Gedanken an diesen Augenblick bekomme ich immer noch Gänsehaut. Unbeschreiblich diese Vielfalt, diese Masse an großen, kleinen, runden, eckigen Dosen. Alles sorgfältig sortiert, hingestellt und mit viel Liebe aufbewahrt. Es ist mehr als nur eine Sammlung alter Weißblechdosen, es ist ein Schatz aus der Vergangenheit.

Madame Dardenne hat Ihre Sammlung nach Themen sortiert, wie z.B. Tabak-, Waschmittel-, Keksdosen. Jede Dose ist handschriftlich nummeriert, so dass Besucher ihre Herkunft, Inhalt und Verwendung nachvollziehen können. Madame Dardenne hält ebenfalls spannende Geschichten für die Besucher fest. “Meine Dosen sind meine Babys”, erklärt sie. Was später mit der Sammlung einmal passieren soll ist noch unklar. Ihre Tochter möchte diese nicht übernehmen und die Stadt hat nicht das Geld um das Anwesen zu kaufen. Leider.

Museum der lithografierten Blechdosen
Rue du Condroz 8
4280 Grand-Hallet
Telefon: +32 19 63 43 92
Website zum Museum

Mein Tipp
Eine Besichtigung der Sammlung muss vorher bei Madame Dardenne angemeldet werden und ist kostenfrei. Am Ende der persönlichen Führung hat man als Besucher die Gelegenheit bei Kaffee und Kuchen (circa 7 Euro pro Person) die Eindrücke sacken zu lassen und das Ambiente der alten Mühle aufzusaugen.

Antiquitätensammlung im Schloss de Deulin

Im Gegensatz zu Trödelmärkten, fand ich als Kind Burgen und Schlösser oft langweilig, altbacken und konservativ eingerichtet. Die Gärten haben mich meist mehr begeistert. Gänzlich geändert habe ich meine Meinung nach dem Besuch des “Château de Deulin” in Hotton. 1768 von Guillaume Joseph de Harlez erbaut, gehört es zu den wenigen Schlössern, die über Generationen hinweg im Familienbesitz geblieben sind. Es ist erstaunlich wie gut erhalten und gepflegt dieses Gebäude mit seinen Gärten ist. Das liegt zum einen daran, dass die Familie de Harlez selbst noch dort wohnt und zum anderen daran, dass 2016 ein Teil renoviert wurde

Antiquitätensammlung im Schloss de DeulinStéphane de Harlez war Tischler und Antiquitätenhändler. Mit 23 Jahren hatte er das Schloss von seinem Onkel übernommen und lebt seitdem mit seinen beiden Söhnen in einem Teil. Die Führung durch das Anwesen übernimmt sein Sohn Simon de Harlez. Seine dynamische, frische und lustige Art überrascht mich, ich hatte mir unter einem Antiquitätenhändler und Schlossherren eher einen älteren, gediegenen Herrn vorgestellt. Um so lustiger und spannender ist die Schlossführung. In jedem Raum findet man Antiquitäten, die man erwerben kann. Simon hat sich vor allem auf alte, schwedische Möbel und Kunst spezialisiert. Mit viel Liebe zum Detail wurden die Räume eingerichtet und zum Teil aufgefrischt. Simon zeigt uns eine chinesische Tapete aus Holz, circa 18. Jahrhundert. Mir gefallen die kräftigen Farben und die Kombination der Möbel. Obwohl ich umringt bin von Antiquitäten, fühlt es sich modern an.

Ich frage Simon amüsiert, ob noch jemand für den Garten gebraucht wird. “Wir können immer Leute gebrauchen. Es gibt genügend zu tun”, sagt er. Gut zu wissen, falls ich auch mal in einem Schloss leben möchte.

Mein persönliches Highlight im “Château de Deulin” ist definitiv der ummauerte Innenhof seitlich des Schlosses. Alte Mauern, rankendes Grün und ein plätschernder Teich in der Mitte. Ich setze mich auf eine alte Holzbank, mache die Augen zu und genieße: „pittoresque“ beschreibt es am besten.

Antiquitätensammlung im Schloss de DeulinZum krönenden Abschluss der Führung, genieße ich die Sonne auf dem Schlosshauptplatz bei einem Glas “Pomme – Poire Jus” (selbstgepresster Saft aus den Äpfeln und Birnen des Schlossgartens) und einem Mittagessen mit belgischen Spezialitäten.

Schloss de Deulin
Rue du Château
B-6990 Deulin (Hotton)
Belgique
www.espacedeulin.be/en/home

Veranstaltungen im Schloss de Deulin
Das Schloss kann für Hochzeiten mit eigener Kapelle gemietet werden. Einige Zimmer können ebenfalls zur Übernachtung dazu gebucht werden. Neben verschiedenen Antiquitätenmärkten findet am letzten Novemberwochenende auch ein Weihnachtsmarkt statt.

 

Vielen Dank an Belgien-Tourismus Wallonie für diese einzigartige Reise zurück in die Vergangenheit, und für Kost und Logis!

 

 

 

 

 

 

 

 

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