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Stilsicher und urban: Das „Kafi Schnaps“ in Zürich

Kafi Schnaps in Zürich

Zum Auftakt meiner Wanderreise auf der Via Spluga in Graubünden, verbringe ich 2 Tage in der Schweizer Hauptstadt Zürich. Im vergangenen Jahr war ich zum ersten Mal dort und habe an einem Tag den urbanen Kreis 5 erkundet. Dieses Mal begebe mich ich auf die Suche nach nachaltigen Orten und schau mir im Kontrast dazu die feudale Altstadt an. Immer wieder Thema, wenn ich erzähle dass ich in die Schweiz reise, ist das liebe Geld. „Die Schweiz ist doch so teuer, wie will man da entspannt reisen?“ „Das kann sich doch keiner leisten!“… Doch kann man, wenn man genau plant und anders denkt. Ein großer Kostenfaktor ist mit Sicherheit die Unterkunft. Für Zürich gab mir eine gute Freundin aus der Schweiz einen wunderbaren Tipp: das Kafi Schnaps. Mitten im Wohnquartier „Wipkingen“ gelegen, kommt es authentisch, stylisch und trotzdem günstig daher. Wie das zusammen funktionieren kann, möchte ich herausfinden und interviewe einen der Gründer, Oliver Baumgartner.

Kafi Schnaps in Zürich

Inhaber Oliver Baumgartner im Interview

Wo kommt der Name „Kafi Schnaps“ und das Konzept her?

Kafi Schnaps ist im Schweizer Deutschen ein geflügeltes Wort. Ich würde einmal behaupten, es ist das Deutsch Schweizer Nationalgetränk. Das ist Kaffee mit Schnaps drin. Man erzählt sich, dass man auf diese Art früher Alkohol „heimlich“ trinken konnte, weil dieser damals von der Kirche verboten war, Kaffee aber nicht.

Und das ist auch das Konzept: am Tag gibt es Kaffee, am Abend Schnaps. Vor 10 Jahren wurden sehr viele coole internationale Bars eröffnet. Wir wollten aber etwas schweizerisches machen. Unsere Einrichtung erinnert daher auch ein wenig an eine Bauernschenke.

Café und Hotel sind im Prinzip getrennt und funktionieren jeweils eigenständig. Unser Wunsch: ein Reisender, der gerne ein bisschen Anschluss finden möchte, setzt sich hier hin und kommt vielleicht mit irgendwem, der hier wohnt, ins Gespräch. Du fällst als Reisender hier ja nicht auf, kannst dich einfach untermischen und Anschluss finden. Das ist unsere Idee. Mitten drin im Geschehen sein, statt irgendwo in der Peripherie in einem Hotelbunker sitzen.

Ist das „Kafi Schnaps“ eher ein Insider-Tipp, sprich bekannt hier in Zürich? Oder habt ihr auch viele Anfragen von außerhalb?

Wir sind ein sehr einfaches Haus, viel mehr eine Pension als ein Hotel. Ich denke, das spricht eine bestimmte Schicht an: junge urbane Leute. Die schätzen es sehr, hier mitten drin im Geschehen zu sein. Vorwiegend haben wir Gäste aus der Schweiz und Deutschland, das stimmt schon. Genau so haben wir aber auch allerlei internationale Gäste.

Wir wollten etwas günstiges machen, das gleichzeitig auf eine bestimmte Art und Weise schick ist. Ein sauberes Bett und eine schöne Umgebung ist für uns selbstverständlich. Doch wir brauchen keinen Fernseher und oder gar einen Whirpool. Aber klar: es gibt trotzdem auch Leute, die nicht mit einer Toilette auf dem Gang leben können.

Ich hab beobachtet, dass viele eine Alternative zu anonymen Hotels suchen. Anbieter wie airbnb erleben einen Hype. Daher kann ich mir auch vorstellen, dass solch ein Gasthaus wie das „Kafi Schnaps“ besser ankommt als ein anonymes Hotel.

Tendenziell würde ich sagen ja. Bei den meisten Menschen ist es am Ende aber doch einfach der Preis, der entscheidet. Und das ist wohl immer noch der Hauptgrund. Am Anfang waren wir auch enttäuscht. Jetzt langsam pendelt es sich ein. Früher hatten wir einige Leute, die gar nicht geschätzt haben, was sie hier bekommen und die bloß gekommen sind weil es das günstigste ist, was sie gefunden haben. Die waren dann wiederum verwundert, dass man den Koffer nicht hoch getragen hat… die hatten einfach andere Erwartungen.

Ihr seid die günstigste Unterkunft mit wenigen Ausnahmen. Tut sich da etwas in Zürich?

Wir waren die ersten mit solch einem Konzept. Mittlerweile gibt es vielleicht etwa zehn ähnliche Häuser. Eins ist aber klar: Zürich ist nicht unbedingt ein Hotspot für junge Citytouristen. Die Stadt ist halt ganz einfach sehr teuer. Damit meine ich vor allem auch die Gastronomie. Ich weiß deshalb auch nicht, wie stark man diese Gruppe von Menschen international überhaupt erreichen kann.

Zürich ist in den letzten Jahren schon viel hipper geworden. Die jungen Leute kommen her, trotzdem bleibt die Businesswelt hier einfach sehr dominant. Zürich kann nie ein Amsterdam, Barcelona oder Berlin werden, was aus meiner Sicht auch gut ist. Es ist vermutlich zu exklusiv und dadurch zu teuer für junge Leute.

Mir ist aufgefallen, dass viele Schweizer Hotels mit lokalen Produkten arbeiten. Ist das etwas, das selbstverständlich für die Schweiz ist? Und achtet ihr selber auch darauf?

Ja, wir arbeiten möglichst mit lokalen Lieferanten zusammen. Vermutlich ist es aber das selbe wie in Köln. Es gibt bestimmte Schichten, die da sehr drauf achten. Gerade in den Städten. Wenn du in die Vororte rausgehst, sieht das vermutlich auch wieder ein wenig anders aus. Das wird aber natürlich auch immer populärer. Es ist ja mittlerweile schon bald nichts besonderes mehr wenn du sagst du hast lokale Produkte. Aber das ist ja auch gut so, das ist eine schöne Entwicklung.

Mit den möglichen Energiesparmaßnahmen haben wir uns erst letztes Jahr beschäftigt. Aber das Haus ist 100 Jahre alt und da muss man sich fragen, ob es sinnvoll ist da so viele bauliche Maßnahmen vorzunehmen, die das Haus teils verunstalten könnten. Mir ist es lieber es behält seinen Charakter. Ich achte also schon drauf, aber optimal ist es noch nicht.

Zwischendurch veranstaltet ihr auch Events, wie zum Beispiel Tango-Abende.

Ja genau, das ist eine lustige Geschichte. Mein Barbier ist aus Argentinien ausgewandert und Tango-Sänger. Klassisch gehört zum Tango ein Bandoneon, eine Art riesige Ziehharmonika. Einer der besten Bandoneonspieler wohnt hier in Zürich in unserem Quartier. Unser argentinischer Tango-Sänger hat den Bandoneonspieler aus Buenos Aires hier kennengelernt. Nun spielen sie hier immer gemeinsam.

Ist das spontan entstanden oder hattet ihr wirklich einen Plan im Kopf gehabt?

Begonnen hat alls mit einem Konzert. Das Thema “Wo treten die Bands auf?”  ist heute nicht mehr so aktuell wie zu meiner Jugend. Es gibt viele Bühnen. Mittlerweile haben sich Konzerte mehr zu Events entwickelt. Wir haben gemerkt, dass immer wenn ein Event stattfindet, wir viele Gäste vertreiben. Wenn die Leute sich auf einen Wein treffen möchten und etwas zu bequatschen haben, dann stört die laute Musik natürlich. Wir haben aber viele Stammgäste und somit ein Gefühl dafür, was gut ankommt und was nicht. Ab und zu veranstalten wir deshalb Events. Das mit den Tango-Abenden findet halt auch statt weil der Bandoneonspieler aus dem Quartier kommt. Wir haben im Quartier beispielsweise auch eine Schule, deren Schülerband vor einem halben Jahr hier gespielt hat. Ich finde es gut, wenn ein lokaler Bezug besteht.

Euer Gasthaus “Zum guten Glück” ist genau so aufgebaut wie das Kafi Schnaps?

Fast: unten ist auch eine Bar, nur die Pension ist doppelt so groß wie hier. Ist also eigentlich ziemlich das selbe. Außer dass der Geschäftsführer Holländer ist. Deshalb gibt es dort auch oft holländisches Essen, wie zum Beispiel Pfannkuchen und Waffeln.

Zwei Jahre nach der Eröffnung des Kafi Schnaps kam der Hausbesitzer der Liegenschaft des jetzigen “Zum guten Glück” auf uns zu und hat gefragt, ob wir dort nicht auch solch ein Hotel aufbauen möchten. Seitdem besteht das Gasthaus.

Als Tipp für zukünftige Gäste: Welche sind deine Lieblingsplätze in Zürich?

Im Sommer sind die Gewässer natürlich ganz vorne. Einerseits das Flussbad am Unteren Letten, meine Lieblingsbadeanstalt, die mittlerweile leider sehr überfüllt ist. Sagt dir Platzspitz etwas? Das war ein extremer Drogenort, und als der geschlossen wurde ist die Szene zunächst umgezogen zum Obereren Letten, wo nun das ganze Beach-Volleyball ist als auch und ein Restaurant im Container, eine Bar in einem alten Berliner Eisenbahnwagen und eine Skate Anlage. Das war eine riesen Drogenszene. Also zu meiner Jugend waren dort keine Leute und die Badeanstalt war leer… da wollte natürlich niemand baden gehen. Heute ist das ganz anders: Das ist eine super coole Badeanstalt! Hier unten im Fluss kannst du reinspringen und dich mit der Strömung treiben lassen. Für Jungs ist es extrem lustig.

Auf dem Zürich See ist es natürlich besonders toll. Ich bin glücklicher Besitzer eines kleinen Bootes, deshalb bin ich da natürlich gerne. Aber allgemein ist es auf dem See schön. Zürich ist eine ziemliche Sommerstadt. Im Sommer ist es immer lustig hier.

Gibt es etwas, das du dir wünschst für´s „Kafi Schnaps“?

Wir sind nach nicht einmal 10 Jahren so eine Art Klassiker.. Und ich weiß nicht, was man hier jetzt groß machen könnte, ohne das Ganze irgendwie groß zu beeinträchtigen. Mein Fokus liegt mehr auf dem Angebot. Ich möchte gerne kulinarisch am Puls der Zeit bleiben und versuchen qualitativ etwas ambitioniertes zu machen. Die Stimmung und die Atmosphäre sollen bleiben. Das gute Gäste da sind, das ist eigentlich das wichtigste.

Mehr kann man eigentlich nicht erwarten. Wir wurden ursprünglich als Szenebar verschrien. Aber bei einer Szenebar ist es so, dass du drei vielleicht vier Jahre lange eine Szenebar sein kannst und dann ist es damit vorbei. Deshalb ist es auch gar nicht so erstrebenswert so das mega Ding zu sein, sondern dass du nachhaltig bist. Für dich jetzt als Betrieb. Das Kafi Schnaps ist Inhaber betrieben. Alle, die das Hotel gegründet haben, arbeiten hier auch. Deshalb ist es auch unser Arbeitgeber und wir wollen es ja auch aus eigener Interesse nicht verunstalten.

Kafi Schnaps in Zürich

 

Mein persönliches Fazit

Wenn man sich längerer Zeit im Kafi Schnaps aufhält, merkt man dass das Quartier hier zuhause ist: morgens springt einer nach dem anderen kurz rein und holt sich einen Kaffee zum mitnehmen, man verweilt noch ein bisschen länger um in Ruhe Zeitung zu lesen oder zum ausgiebigen Frühstück mit Freunden. Parallel wird die täglich wechselnde Mittagskarte geschrieben, die zusätzlich zum feststehenden Angebot gereicht wird. Auch am Abend füllt sich das Kafi Schnaps, ob zum Feierabendgetränk oder späten Snack.

Als „Fremde“ steige ich direkt mit ein und werde Teil des Quartierlebens. Die Atmosphäre ist locker und unkompliziert, so sollte man selbst auch sein wenn man hier wohnt. Wer hier eine klassische Rezeption und 24h-Service erwartet, ist hier fehl am Platz. Stattdessen erwarten einen stylisch und gleichzeitig gemütlich eingerichtete Zimmer, in denen man sich zuhause fühlt und bestens schläft. Das Bad und WC, auf dem Gang zur gemeinschaftlichen Nutzung, sind groß und sauber. Man findet im Kafi Schnaps den Komfort, den es aus meine Sicht braucht um Ruhe in der Großstadt zu finden und sich zu erholen: kuschelige Bettwäsche, Badewanne und weiche Handtücher, die Bar nur ein paar Treppenstufen tiefer, leckeres lokales Essen, die Bahn gleich um die Ecke und in 15 Minuten in der Innenstadt/ am Bahnhof.

Nachhaltig im Kafi Schnaps ist für mich vor allem der Ansatz des teilens. Jeder hat sein eigenes Zimmer, aber Bad und WC werden geteilt, so wie man es vom klassischen Hostel oder B&B kennt. Dadurch kann das Gasthaus die Preise niedrig halten und das übernachten auch für den kleineren Geldbeutel ermöglichen. Das trägt aus meiner Sicht auch dazu bei Zürich für junge Leute attraktiver zu machen. Außerdem wird durch das Kafi Schnaps der schöne Altbau in seiner ursprünglichen Form bewahrt, was man besonders in der Bar (einer ehemaligen Metzgerei) erkennen kann. Übrigens stehen die Inhaber hier selber jeden Tag hinter der Theke… was mehr als ein gutes Zeichen ist.

Landlinien wurde Anfang 2009 von Designerin Daniela Klütsch gegründet. In ihrer Agentur daklue beschäftigt sie sich hauptberuflich mit Kommunikation für nachhaltige Unternehmen. Wie beim Reisen spielt auch dort das Thema „Entschleunigung“ eine große Rolle. Wenig kommunizieren, dies aber bewusst, achtsam sein, mit sich selbst und seiner Umwelt… das sind Gedanken die sie Tag für Tag antreiben

3 Kommentare

  1. Pingback: Mit “Low Budget” günstig durch Zürich | Landlinien Outdoor-Reiseblog

  2. julius456

    Super das es jetzt mehr günstige Hotels in Zürich gibt! War vor kurzem im Hotel Leoneck mitten in der City von Zürich. Man kann nur hoffen, dass sich dieser Trend weiter so fortsetzt oder man wird als Normalsterblicher nicht mehr in ein Hotel nach Zürich kommen können.

  3. Ja, das hoffe ich auch! Wäre wirklich zu schade wenn man aus diesem Grund Zürich nicht besuchen würde.

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