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Das erste Olivenöl aus Deutschland

Zu Besuch im Olivenhain des Gartenhof Becker in Stommeln

Neben dem Reisen ist das Kochen und Essen schon immer eine meiner größten Leidenschaften. Beides ist eng miteinander verzahnt, denn ein Hauptgrund für meine Reisen ist auch immer das Entdecken der jeweiligen Küche und der Produkte einer Region, und immer spielen diese eine gewichtige Rolle bei der Auswahl der Reiseziele. Ich lege stets großen Wert auf hohe Qualität und guten Geschmack bei allen Lebensmitteln. Eine gute Komposition eines Gerichtes zeichnet sich für mich dadurch aus, dass man nur wenige aber dafür sehr hochwertige Zutaten verwendet, die durch ihren puren und unverfälschten Geschmack ein Gericht alleine tragen können.

Ein wichtiges Produkt in meiner Küche, welches ich immer zu Hause habe, ist Olivenöl. Gerade beim Olivenöl ist die Qualität sehr unterschiedlich. Ein wirklich gutes Olivenöl mit eigenem Charakter ist im normalen Supermarkt kaum zu bekommen. Ich habe mich in meinem Leben schon durch viele Öle durchprobiert, aber nur selten stellte sich dabei ein echtes Aha-Erlebnis ein. Eines der besten Olivenöle, über das ich hier etwas ausführlicher berichten möchte, habe ich heute für mich entdeckt. Das Öl kommt nicht aus Apulien, nicht aus Andalusien und auch nicht von Peloponnes. Nein, es kommt, und das kann man als echte Sensation bezeichnen, aus dem Rheinland, und zwar aus Pulheim-Stommeln, um es genau zu sagen. Ja, Sie haben richtig gelesen.

Ein Besuch beim Gartenhof Becker

An einem grauen und verregneten Tag treffe ich mich auf seine Einladung hin mit Michael Becker von der Baumschule Gartenhof Becker. Ich war zuvor schon öfters zu Gast auf dem alljährlich stattfindenden Olivenfest auf dem Hof und hatte mich schon oft gefragt, wieso man ausgerechnet ein Olivenfest in unseren Breitengraden feiert. Michael Becker hat es mir heute erzählt.

Eine wahrlich verrückte Idee

2005 kam Herr Becker zusammen mit einem Kölner Olivenölhändler auf die Idee, Olivenbäume auf seinem Hof zu setzen mit dem Traum, irgendwann mal eigenes Olivenöl herzustellen. Damals sollte es „Olio de Cologne“ heißen. Die Idee klang damals verrückt. Das Wetter schien zu feucht, die Winter sind zu kalt, die Wärmeperioden zu kurz. Das hielt Herrn Becker aber nicht davon ab, die ersten 45 Bäume der Sorten Leccino, Olivastra Seggianaese, Pendolino, Taggiascia, Tonda Iblea, Biancolils und Canino anzupflanzen. Platz dafür hatte er ausreichend. Der folgende Winter war mild, und die Bäume überlebten. Der erste Erfolg war 2006 der Anlass für das erste Olivenblütenfest.

Foto © Karl Nesseler

Die erste Ernte

Bereits 2008 konnte Michael Becker sich über die erste Olivenernte von 35kg freuen. Das war der Beweis, dass seine Idee funktionierte. Die nächsten beiden Winter waren mit bis zu -20 Grad Celsius sehr hart und Herr Becker verlor einen Teil seiner Bäume. Er lies sich aber nicht entmutigen und pflanzte in den darauffolgenden Jahren neue Bäume nach. Am widerstandsfähigsten hatte sich die Sorte Leccino herausgestellt, da sie am unempfindlichsten gegen die winterliche Kälte war.

2017 erfreute er sich über die erste „gute“ Ernte von 30kg Oliven. Die Oliven wurden eingelegt und erstmalig zur Verkostung auf dem Olivenfest angeboten. Das motivierte ihn trotz einiger weiterer wetterbedingter Rückschläge, weiter Energie in dieses Projekt zu stecken. 2019 pflanzte er einige Bäume der Sorte Cipressino zur besseren Befruchtung hinzu. Die darauffolgende Ernte wuchs auf 75kg an. Das war noch zu wenig, um ein Öl zu produzieren, wenn sich Aufwand und Kosten rechnen sollten. Die Früchte wurden wieder eingelegt und waren wieder zur Verkostung eingeplant. Wegen Corona musste das Olivenfest 2020 aber leider ausfallen.

Fotos © Karl Nesseler

Die erste Pressung

Dafür zeigte sich in diesem Jahr ein sehr guter Blütenansatz, eine gute Bestäubung und ein guter Fruchtansatz. Diesmal erntet Michael Becker satte 200kg Oliven aus seinem inzwischen stattlichen Olivenhain, der der nördlichste Europas ist. Bastian Jordan von Jordan Olivenöl beschafft nach langer Suche eine passende Ölmühle in Italien für den Hausgebrauch und damit pressten sie das erste Olivenöl Deutschlands. Leider klappte es mit der Ölmühle nicht so gut, wie die beiden sich das erhofft hatten, dennoch holten sie knapp 5 Liter Öl aus den Früchten. Normalerweise gewinnt man bei 200kg Oliven ca. 70-80 Liter Öl, erklärt mir Herr Becker. Aber für die nächste Ernte ist er zuversichtlich, dass es dann eventuell mit anderen Gerätschaften besser klappen wird. Und die wichtigste Erkenntnis ist für ihn erstmal, dass sein Traum sich verwirklicht hatte:

Es ist möglich Oliven in Stommeln anzubauen, und es ist möglich, aus den Früchten echtes Olivenöl zu pressen, was Michael Becker mir mit berechtigtem, sympathischen Stolz berichtet.

Fotos © Karl Nesseler

Endlich darf ich probieren

Am Ende meines Besuches kommen wir zum schönsten Teil meines Ausfluges zum Gartenhof Becker – die Verköstigung. Zuerst probiere ich ohne allzu große Erwartungen einige eingelegte Oliven. Das Fruchtfleisch ist vergleichsweise fest, saftig und extrem aromatisch. Mein Blick hebt sich anerkennend und extrem positiv überrascht Richtung Michael Becker. Wow! Dass die Oliven so lecker sind, damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Die Qualität der Früchte stellt einen Großteil der im Handel erhältlichen Oliven weit in den Schatten. Großartig!

Dann zapft Herr Becker mir aus einem Edelstahlbehälter ein Verköstigungsgläschen seines milchig gelb-grünen Goldes ab und reicht es mir. Was für eine tolle Farbe! Ein beinahe leuchtendes helles Gelb-Grün, trüb und dickflüssig. Nach dem Staunen über die Farbe wage ich einen ersten olfaktorischen Test. Wieder wow! Es riecht wunderbar frisch und extrem fruchtig beinahe sogar etwas kühl vor Frische. Mehrfach noch rieche ich an dem Öl, bevor ich endlich einen vorsichtigen Schluck probiere. Der Geschmack ist unglaublich. Eine ganz leichte Bitterkeit und eine enorme Fruchtigkeit breitet sich auf meinem Gaumen aus. Im Abgang spüre ich eine ganz seichte Schärfe. Wahnsinn! „Und das ist wirklich aus Stommeln von den Bäumen dahinten auf dem Feld?“ Herr Becker nickt. Zum Glück ist der Becher noch nicht leer. Ich probiere nochmal. Welch eine perfekte Ausgewogenheit. Was für ein geschmackliches Glücks-Erlebnis. Während ich mir den dritten und letzten Probierschluck auf die Zunge gebe, überlege ich, wie ich Herrn Becker sage, dass dies mit eines der besten Olivenöle ist, das ich in meinem ganzen Leben jemals verköstigt habe, ohne dass er dies für aus Höflichkeit übertrieben hält. Aber er scheint das nicht zum ersten Mal zu hören und freut sich sichtlich über meine Bewertung.

Wie geht es weiter

Ob sich das Projekt finanziell rechnen wird, ist eher zu bezweifeln, zumindest wenn es nur um das Öl geht. Herr Becker verkauft aber auch inzwischen viele Olivenbäume an seine Kunden. Der Olivenhain ist für ihn als großer Apulienfan aber auch eher eine Leidenschaft, in die er viel Herzblut und Liebe steckt. Dass die Früchte und das Öl am Ende auch noch solch eine hohe Qualität haben, erfüllt ihn mit großer Freude.

Ich bin schon gespannt auf die nächste Ernte und die nächste Pressung. Vielleicht wird es ja diesmal so viel, dass ich mir etwas davon für die heimische Küche kaufen darf. Ich werde auf jeden Fall schonmal Bedarf bei Michael Becker anmelden und vorreservieren.

Thailand hat es Nick Reiter besonders angetan. Bereits sechsmal in Folge bereiste er dieses Land in den letzten 7 Jahren. Auf der Suche nach besonderen Abenteuern kommt er auf seinen Reisen schnell mit Einheimischen in Kontakt und mag es Kultur und Kulinarik abseits vom Touristenstrom zu erleben. Neben Landlinien gilt Nicks zweite Leidenschaft dem Kochen, am Liebsten asiatisch.

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